Peter Seewald : "Der Papst ist kein Politiker"

Bevor er glühender Katholik wurde, war er Kommunist. Ein Porträt des Journalisten Peter Seewald.

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Foto: Ellen Badde
Foto: Ellen Badde

Die Erleuchtung erreichte Peter Seewald auf verschlungenen Wegen. Bevor er glühender Katholik wurde, war er Kommunist. Als Kommunist verteilte er Flugblätter und gründete ein linkes Stadtmagazin, als Katholik bringt er jetzt sein drittes Interviewbuch mit Joseph Ratzinger heraus. Ratzinger ist nun Papst Benedikt. Und ein Interview mit dem Papst, das ist natürlich ein Knüller.

Denn der Papst hat zwar einen Pressesprecher, den man zu diesem und jenem befragen kann, aber auf die Frage, ob man den Chef sprechen könnte, hat bislang jeder Journalist ein klares Nein zur Antwort bekommen. Außer Peter Seewald. Dem soll der Papst selbst vorgeschlagen haben: „Wir machen das unter vier Augen.“

Ergebnis ist das Buch „Das Licht der Welt“, über dessen Inhalt nichts bekannt werden darf, bevor am Montag die „Bild“-Zeitung und der „Focus“ einen Vorabdruck veröffentlichen werden. Deshalb nur so viel: Es geht um den Glauben in der modernen Welt, um Kapitalismus, um sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester. Es ist kein Buch, das den Papst in die Mangel nimmt, es liest sich wie ein Gespräch zwischen Schüler und Lehrer, die sich einig sind.

Zum ersten Mal saß Seewald Ratzinger 1996 gegenüber. Damals galt der Kardinal als gefürchteter Großinquisitor und Seewald als unbestechlicher Reporter, der seine katholische Sozialisation als Oberministrant mit dem Kirchenaustritt hinter sich gelassen hatte. Aber auch die Liebe zu Marx und Mao war erloschen, zurückgeblieben war die Sehnsucht nach dem großen Anderen, nach dem Spirituellen. „Eines Morgens erschrak ich bei dem Gedanken, dass meine als Heiden aufgewachsenen Kinder nicht einmal die Freiheit haben würden, aus der Kirche auszutreten“, schrieb er einmal. Bei der ersten Begegnung mit Ratzinger sprang ein Funke über.

Heute lebt Seewald ein gottesfürchtiges Leben, zieht sich immer wieder für Wochen ins Kloster zurück und soll sogar ein Weihwasserbecken in der Wohnung haben. Er schwärmt von der Weisheit des Papstes und wie viel er der Welt zu sagen habe. Als die Medien und die Kanzlerin den Papst im Streit um den den Holocaust leugnenden Pius-Bruder Williamson angriffen, warf er ihnen „aggressive Ahnungslosigkeit“ vor und ließ ausrichten: Der Papst handele wie Jesus. Den Idealismus, den er im Kommunismus gesucht habe, habe er im Katholizismus gefunden, gestand Seewald einem Kollegen von der „Zeit“. Claudia Keller

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