Meinung : Pfusch in der Drogenpolitik

Heroin muss zur Suchtbehandlung zugelassen werden

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Alexander S. Kekulé Am heutigen Mittwoch treffen sich die Vertreter aus sieben Großstädten zu einer ungewöhnlichen Krisensitzung: Sie wollen die Horrordroge Heroin legalisieren – allerdings nur für die Therapie schwer suchtkranker Menschen, denen sonst nicht geholfen werden kann. Zwei Jahre lang hatten die Städte Bonn, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München die ärztlich kontrollierte Herointherapie überprüft, mit eindeutigem Ergebnis: Bei Schwerstabhängigen ist Heroin dem bisherigen Ersatzmittel Methadon überlegen.

Auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) kam bei seiner fachlichen Prüfung zu einem positiven Ergebnis. Und nicht nur das: Auch das Bundesgesundheitsministerium, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, die Bundesärztekammer und die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin unterstützen die Zulassung für sonst aussichtslose Fälle.

Damit allerdings das BfArM Heroin als Medikament zulassen kann, muss der Anhang zum Betäubungsmittelgesetz geändert werden, wo die Droge derzeit als „nicht verkehrsfähig“ eingestuft ist. Doch das blockiert die Bundestagsfraktion der Union.

Deren drogenpolitische Sprecherin Maria Eichhorn (CSU) fürchtet die „Enttabuisierung einer harten Droge“, hält das Heroinprogramm für zu teuer und behauptet obendrein, die entscheidende Studie sei fehlerhaft. Die Unionsparteien halten ihre Ablehnung auch für den Regierungspartner SPD für bindend. Sie stellen sich damit gegen alle Fachleute – und gegen mehrere prominente Landespolitiker der CDU.

Dabei ist die vom Suchtforschungszentrum der Universität Hamburg geleitete Studie die größte und gründlichste, die je zum Thema Herointherapie gemacht wurde. Von 1032 Schwerstabhängigen wurde eine Hälfte mit Heroin und die andere mit Methadon behandelt. Das Ergebnis ist für Fachleute beeindruckend: Nach einem Jahr Herointherapie besserte sich der Gesundheitszustand bei 80 Prozent der Patienten, der illegale Drogenkonsum verringerte sich um 69,1 Prozent; unter Methadon waren die Ergebnisse mit 74 Prozent beziehungsweise 55,2 Prozent deutlich schlechter.

An der Studie nahmen nur Süchtige teil, die seit mindestens fünf Jahren (Mittelwert: 16 Jahre) Heroin konsumiert hatten. Sie mussten obendrein in schlechtem körperlichem oder psychischem Zustand sein und bereits mindestens eine erfolglose Therapie hinter sich haben. Dass die Herointherapie sogar in diesen Fällen geholfen hat, macht sie für die Gruppe der Schwerstabhängigen zu einer möglicherweise lebensrettenden Option – in Deutschland kämen dafür etwa 1500 Patienten jährlich infrage.

Zum selben Ergebnis kamen bereits kleinere Studien aus Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz und Spanien. In diesen Ländern ist Heroin für die Suchttherapie zugelassen.

Entgegen einem häufigen Missverständnis soll die Behandlung mit Ersatzdrogen („Substitutionstherapie“) nicht auf Dauer illegale Drogen durch legale ersetzen, sondern zielt letztlich auf völlige Drogenfreiheit ab. Im Gegensatz zur – meist erfolglosen – Entzugstherapie wird der Patient bei der Substitution zunächst psychisch und physisch stabilisiert. Gleichzeitig werden Beschaffungskriminalität und die Infektionsgefahr durch schmutziges Spritzbesteck verringert. Dadurch steigen die Erfolgsaussichten der psychosozialen Betreuung erheblich.

Vielen Süchtigen fällt die Therapie mit Heroin leichter, weil Methadon müde macht und weniger euphorisierend wirkt. Ein Großteil der Patienten brach deshalb die Studie ab, nachdem sie für die Methadongruppe ausgelost worden waren. Diese triviale Tatsache, die in der statistischen Auswertung natürlich berücksichtigt wurde, will Unionssprecherin Eichhorn als Fehler der Studie anführen – gegen die Meinung aller Fachleute.

Dass Heroin durch die therapeutische Anwendung – unter strengen Auflagen – „enttabuisiert“ werde, ist ebenso aus der Luft gegriffen. Die gerade veröffentlichten Ergebnisse des sehr erfolgreichen Schweizer Heroinprojektes zeigen das Gegenteil: Dort gilt Heroin inzwischen als „Loser-Droge“ und ist für junge Menschen zunehmend unattraktiv.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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