Phantomtor in der Bundesliga : Die Ungerechtigkeit ist Teil des Sports

Das Phantomtor von Stefan Kießling zählt und Hoffenheim wird keinen Einspruch einlegen. Sport ist Spiel und Drama – und die Ungerechtigkeit ein Teil davon, findet Dominik Bardow.

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Daneben und doch ein Tor. Sport ist Drama – und die Ungerechtigkeit gehört dazu.
Daneben und doch ein Tor. Sport ist Drama – und die Ungerechtigkeit gehört dazu.Foto: dpa

Ein Fußball fliegt neben das Tor, zählt aber als Treffer. Das ist völlig regulär, hat nun ein Sportgericht entschieden. Durch ein Loch war der Kopfball des Stürmers Stefan Kießling ins Netz und in die Spielwertung gerutscht. Dabei bleibt es. Das Bundesligaspiel Leverkusen gegen Hoffenheim wird nicht wiederholt. Leverkusen bleibt dank Kießlings Tor der Sieger, Hoffenheim verzichet auf einen Einspruch.

Das Urteil schützt die Entscheidung des Schiedsrichters, der das Tor anerkannt hatte, obwohl es eine Fehlentscheidung war. Das wiederum hinterlässt ein Loch im Gerechtigkeitsempfinden der meisten Sportinteressierten. Denn Sport beruht auf den Grundsätzen der Fairness und der Einhaltung der Regeln. Und dann soll es zählen, wenn das Runde das Eckige verfehlt? Ist das gerecht? Es ist denkbar, dass dieses Phantomtor am Ende über Abstieg oder Meisterschaft entscheidet.

Nicht nur Athleten, sondern moralische Vorbilder

Aber wie gerecht kann und muss Sport sein? Mit der gestiegenen Wahrnehmung, speziell im Fußball, sind auch die Erwartungen an die Athleten gestiegen. Sie sollen nicht mehr nur erfolgreiche Sportler, sondern auch moralische Vorbilder sein, werden als Botschafter für Toleranz oder gegen Drogen eingespannt. Gestiegen sind auch die Einnahmen, in jedem Wettkampf geht es um viel Geld. Und um soziale Zwänge: Mit jedem Misserfolg droht der Sportler, das Erreichte zu verspielen – den Status bei Trainer und Mitspielern, die Liebe der Fans, die Karriere.

Auch beim Zuschauer erfüllt der Sport mittlerweile viele Funktionen, von der kurzen Wirklichkeitsflucht am Wochenende bis hin zur Ersatzreligion. Aber muss er deshalb gerechter sein als das Leben, wo Erfolg in der Konkurrenz oft vor Fairness geht?

Fußball ist eben kein so einfaches Spiel. Es lässt in den Regeln und ihrer Auslegung viel offen, das gibt den Akteuren großen Spielraum. Dieses Rezept hat den Sport sehr erfolgreich gemacht – und deshalb verteidigen es Sportgerichte und Verbände verbissen.

Ungerechtigkeit ist ein Teil des Spiels. Gerade im Fußball, wo nicht immer die bessere Mannschaft gewinnt, sondern manchmal die, die vor dem Tor in einer Szene einfach mehr Glück hatte.

Fehler machen den Sport aus

Der 1. FC Nürnberg hat 1994 ein Wiederholungsspiel bekommen, als beim Stand von 1:1 ein Fehlschuss fälschlicherweise als Tor für Bayern München zählte. Das Wiederholungsspiel verlor Nürnberg dann 0:5 und stieg kurz darauf ab. War damit Gerechtigkeit wiederhergestellt?

Gerade die Fehler und Ungerechtigkeiten machen aus Sport mehr als nur ein Spiel. Warum reden die Menschen bis heute über das WM-Finale 1966, das Deutschland durch ein irreguläres Tor verlor, und nicht etwa über die Endspiele 1982 oder 1986? Wer würde noch über Hoffenheim gegen Leverkusen diskutieren ohne Phantomtor?

Sport ist großes Drama, weil er Werte zur Debatte stellt: Erfolg gegen Fairness, Ehrlichkeit gegen Anpassung, Pflichtbewusstsein gegen Gesundheit. Dort spielen Menschen und treffen Entscheidungen, auch die falschen. Doch am Ende liefert der Sport nur Ergebnisse, keine Lösungen. Trotzdem können die Zuschauer daraus die richtigen Schlüsse fürs Leben ziehen.

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