PID und Union : Leben ist konservativ

19.10.2010 08:31 UhrVon Jost Müller-Neuhof
Angela Merkel ist nicht mehr die wägende Wissenschaftlerin und pragmatische Problemlöserin. Foto: dpa
Angela Merkel ist nicht mehr die wägende Wissenschaftlerin und pragmatische Problemlöserin. - Foto: dpa

Weshalb die Präimplantationsdiagnostik mit großer Geste verboten werden soll, während die Spätabtreibung geduldet wird, kann kein Politiker glaubwürdig erklären. Doch Angela Merkel hat sich festgelegt - und verabschiedet sich vom Bild der pragmatischen Problemlöserin.

Wer sich noch immer nicht vom Bild der Kanzlerin als wägender Wissenschaftlerin, als pragmatischer Problemlöserin verabschieden konnte, hat in diesen Tagen Gelegenheit dazu. Angela Merkel hat sich festgelegt in der Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik (PID), den vorgeburtlichen Gen-Check, ein Verbot soll her. Man kann sich erinnern, dass sie einst differenzierter darüber dachte. Vorbei, ihre Rolle füllt sie aus, nicht nur die der Kanzlerin, auch und vor allem die der Parteichefin. In den CDU-Grundsätzen ist die PID-Gegnerschaft verankert, es wäre ein Modernisierungssalto, es plötzlich anders zu meinen, wie man ihn selbst von der sonst gelenkigen Vorturnerin kaum erwarten kann.

Zudem sendet sie ein Signal an die christlich-konservative Front: Hier steht mal was, das nicht wackeln kann. Schön, wie man sich in der Union das Festhalten an Werten vorstellt.

Und schlicht. Denn Werte mögen unveränderbar sein – anders die Art und Weise, wie man an ihnen festhält. Menschliches Leben ist so ein Wert. In der Politikfrage PID scheint er in seinem Ursprung auf, der Begegnung von Mann und Frau, die ein Kind wollen und wünschen, aber fürchten müssen, dass sein Dasein aufgrund von Krankheit und genetischen Schäden mehr ein Überleben als ein Leben wird. Für die ganze Familie. Die PID kann in dieser Situation helfen, sie vermeidet eine – auch gesundheitliche – Belastung der werdenden Mutter, sie erspart den hoffnungsvollen Eltern das tiefe innere Zerwürfnis, wenn die vorgeburtliche Diagnostik später unabweisbar tragische Befunde bringt. Denn auch dann noch, letztlich bis zum Einsetzen der Wehen, erlaubt die Rechtsordnung den Abort. Weshalb die PID mit großer Geste verboten werden soll, während die Spätabtreibung geduldet wird, kann kein Politiker glaubwürdig erklären.

Aber darum geht es doch: um Glaubwürdigkeit. Das hieße auch, zu Fehlern zu stehen, Versäumnisse einzuräumen. Als der Bundesgerichtshof im Juli feststellte, die PID sei bei drohender Schwersterkrankung straflos, rieben sich viele die Augen. Straflos? Und das nachdem man so lange über Menschenwürde und Klonen gestritten hatte? Tatsächlich wurde die PID erst in jener Zeit zur medizinischen Alltagsreife entwickelt. Der Gesetzgeber war damals ratlos, weshalb er die Schwangerschaft als Ziel allen Umgangs mit Embryonen markierte: im Zweifel für das Leben. Ein unvollkommenes Gesetz, doch eine gute Maxime. Eltern, die ihr folgen, und Ärzte, die dabei helfen, wollen weder töten noch aussondern. Sie wollen Leben. Es ist in gutem Sinne konservativ, sie zu unterstützen.

Und ist es christlich? Man sollte sich hüten, die politische Bedeutung einer im Prinzip theologischen Antwort darauf zu unterschätzen. Die Redeweise von „christlichen“ oder auch „christlich-jüdischen“ Traditionen hat sich im Zusammenhang mit der Integrationsdebatte verfestigt, sie hat, als „abendländisch“ verbrämt, Eingang in die Anti-Kopftuch-Gesetze der Länder gefunden und wird, wie das Verfassungsgerichtsurteil zum Sonntagsshopping zeigt, sogar wieder an der Spitze der Dritten Gewalt respektiert. Die katholische Kirche hat sich bei der PID festgelegt, ein Votum, dass Merkels Union alles andere als gleichgültig ist und das Kompromisse erschwert.

Nun gehören Kompromisse zwar nicht für Kirchenleute, aber doch für Politiker zum Geschäft. Ein solcher könnte sein, die PID befristet zu verbieten, um in einem umfassenden Gesetz auch Themen wie die Eizellspende und das mögliche Vermeiden von belastenden Mehrlingsschwangerschaften zu regeln. Es klingt vernünftiger, als es ist, es erweckt den Eindruck eines Hin und Her. Maßgabe kann nur das geltende Recht sein. Es erlaubt die PID, seit Juli herrscht Klarheit. Es gab weder einen Dammbruch noch zeigt sich, dass Ärzte oder Wunscheltern unverantwortlich mit ihrer neuen Freiheit umgingen. Regeln braucht die Zeugung im Labor, gewiss, doch ein Moratorium wäre eine Vorfestlegung, ein ängstlicher Fundamentalismus. Die Bürger haben mehr Vertrauen verdient, zumal jene, die sich für Kinder entscheiden.

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