Meinung : Pietät kommt vor dem Fall

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Die Zeit läuft für Edmund Stoiber. Die bis zur Wahl 2008 sowieso, aber die Zeit läuft auch ab für den Pontifex Maximus der CSU, den Regierungschef und Parteivorsitzenden. Treueschwüre wie jetzt der von Kreuth sind gerade mal das Papier wert, auf dem sie stehen, sollte es denn ernst werden. Und ernst wird es, wenn die CSU in den Meinungsumfragen unter ihre selbst gesetzte Grenze von 50 Prozent sinken sollte. Dann ist in der Christsozialen Union Schluss mit der Pietät.

Wie gezwungen die CSU-Veranstaltung war, zeigt sich erstens an den seltsamen vier Punkten zur Erklärung, warum der Chef der Chef ist und bleiben soll, zweitens an den finsteren Mienen derer, die ihn beim Verkünden umringten. Glück sieht anders aus … Stoiber geht nämlich mit seiner Pedanterie, Besserwisserei und rasenden Arbeitswut so vielen auf die Nerven, wie seine lauteste Kritikerin Gabriele Pauli immerzu behauptet. Die anderen sagen es bloß nicht öffentlich vernehmbar. Oft konnte er Wahlen gewinnen, aber wirklich gewinnend erscheint er immer weniger. Hier liegt sogar eine Chance für die bisher stets chancenlose Opposition. Bayern wird nicht in Erbpacht vergeben. Man kann es auch als Drohung verstehen, dass Stoiber bis 2013 bleiben will; demnächst wird er noch mit dem Alter von Adenauer bei dessen erster Wahl zum Kanzler für sich werben.

Ja, er hat sein Haupt ein wenig beugen müssen. Gut möglich, dass Stoiber von Rückzug gesprochen hat. Nur sollte er das nicht noch einmal tun; denn in der Not findet das Rettende sich auch. Und es ist nicht so, als hätte die CSU überhaupt niemanden außer dem Amtierenden, der regieren oder die Partei führen könnte. Das wäre ein fatales Armutszeugnis für die CSU, die sich doch immer stolz eine Volkspartei nennt. Seehofer, Herrmann, Glück, Beckstein, Huber, Goppel, ach, warum nicht auch noch der gute Waigel – das geht schon. In Bayern ist die Welt noch in Ordnung, die Finanzen stimmen, da geht es für einen, der neu beginnt, gemächlicher als anderswo los. Er kann sich erst mal orientieren. Und ehe die Wähler sagen: Wir wählen die CSU trotz des Spitzenkandidaten, wird die Partei sich eines anderen besinnen.

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