Meinung : Pillen müssen bitter schmecken

Das Gesundheitssystem muss von innen reformiert werden

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Alexander S. Kekulé Die Bilder dieser Woche kommen einem bekannt vor: Die Gesundheitsreform steht auf der Tagesordnung der Regierung, die Mediziner stehen auf der Straße. Auch die Argumente sind nicht neu: Die hohen Gesundheitskosten belasten Bürger und Betriebe, tragen zur Arbeitslosigkeit bei und schaden dem Standort Deutschland. Andererseits soll jeder am medizinischen Fortschritt teilhaben, Alte und Arme genauso wie Kassenpatienten und chronisch Kranke. Deshalb suchen Politiker und Experten nach immer neuen Wegen, das gefräßige Gesundheitssystem mit mehr Geld zu füttern.

Dabei steht eines fest: Der Moloch wird niemals satt werden, weil die Medizin niemals alle Krankheiten aus der Welt schaffen wird. Gegen die meisten Volkskrankheiten können die Ärzte heute sogar so wenig ausrichten wie zu Hippokrates’ Zeiten. Viele als „Wunderwaffen“ angepriesene neue Medikamente entpuppen sich als Rohrkrepierer, wenn nach fünf bis zehn Jahren Langzeitstudien vorliegen. Skandalpillen wie Lipobay oder Vioxx, an denen die Industrie Milliarden verdient hat bevor sie vom Markt mussten, sind nur die Spitze des Eisberges. Seriösen Studien zufolge bringen nur rund 15 Prozent der neu zugelassenen Präparate messbare Verbesserungen für Patienten.

Je schwerer und aussichtsloser der Krankheitsverlauf, desto dubioser die Heilmethoden. Chirurgen greifen bei Krebs im Endstadium zum Messer, auch wenn sie wissen, dass das Leben höchstens um Wochen verlängert werden kann. Bei den meisten metastasierenden Karzinomen in Brust, Darm, Lunge und Prostata bringt die gesamte Behandlung keine Lebensverlängerung, wie neuere Studien belegen. Enttäuschend sind insbesondere die Ergebnisse der Chemotherapie, deren Nutzen bei soliden Tumoren gegen null geht. Ärzten fällt es schwer, ihren Patienten die Wahrheit zu sagen, wenn sie mit ihrer Heilkunst am Ende sind. Und todkranke Patienten wollen die Wahrheit meistens nicht hören.

Statistisch verursacht jeder Mensch bei der (erfolglosen) Behandlung seiner letzten, tödlichen Erkrankung mit Abstand die größten Kosten – unabhängig vom Lebensalter. Das viel zitierte Argument, die Gesundheitskosten würden wegen der Alterung der Gesellschaft zwangsläufig steigen, muss deshalb relativiert werden: Nicht das Altern, sondern das Sterben ist hierzulande exorbitant teuer.

Dagegen führen Prävention und Früherkennung, die wirksamsten Waffen gegen Krebs und andere schwere Krankheiten, nach wie vor ein Schattendasein. Zyniker mögen sagen, das läge daran, dass an Gesunden nichts zu verdienen ist. Tatsächlich werden die Versicherten kaum motiviert, sich fit zu halten, sich gesund zu ernähren und zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen. Stattdessen steht ihnen auch für selbst verschuldete Krankheit ein Gratisarsenal von Pillen und Therapien zur Verfügung. Medikamente gegen Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Übergewicht, Diabetes und Depressionen machen den Löwenanteil im Pharmabudget aus.

Zwischen Patienten, Ärzten und Industrie besteht ein unausgesprochener Komplott: Die Firmen versorgen die Ärzte mit Innovationen und neu erfundenen Krankheiten. Ärzte haben mehr zu heilen und mehr abzurechnen. Patienten geben die Verantwortung fürs Gesundbleiben an der Praxistüre ab und fordern, mit den besten Therapien gegen jede Befindlichkeitsstörung behandelt zu werden. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, muss das Gesundheitssystem von innen reformiert werden. Dazu gehört eine deutliche Kostensenkung der solidarfinanzierten Gesundheitsleistungen durch strikte Beschränkung auf ernste Erkrankungen und dringend notwendige Therapien: Wem ein modernes Krebsmedikament wirklich helfen kann, der muss es auch bekommen – unabhängig von Alter oder Einkommen. Die Entscheidung, ob Scheininnovationen und nutzlose Therapien auf Kosten der Beitragszahler angewendet werden, kann jedoch nicht mehr dem Arzt und seinem Patienten überlassen werden. Zudem muss der Markt außerhalb des dann verschlankten, planwirtschaftlichen Solidarsystems liberalisiert werden: Wer eine Versicherung für banale Erkrankungen, nicht anerkannte Therapien oder besonders gefährliche Sportarten will, kann sie privat abschließen.

Die Reform erfordert Umdenken bei Industrie, Ärzten und Patienten. Eine Infusion von noch mehr Geld wäre keine Therapie für das System, sondern eine gefährliche Droge, die den ungesunden Komplott nur vorübergehend angenehmer macht.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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