Piraten-Generation : Wo der Geist der Utopie heute wohnt

Schon einmal hat die politische Klasse den Zeitgeist verpasst. Zur Strafe gab's die Grünen. Nun droht den Etablierten, was ihnen schon einmal passiert ist.

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Auf Erfolgskurs: Die Piraten.
Auf Erfolgskurs: Die Piraten.Foto: dapd

Der Geist der Utopie geht seltsame Wege. Vor ein paar Jahrzehnten zum Beispiel ist das Reich der Freiheit oft jenseits des Konsums vermutet worden – in Jute statt Plastik, Windrad statt Atomkraftwerk, Bewegung statt Partei. Die etablierte Welt, insbesondere die politische Klasse hat die Herausforderung durch die Turnschuh-Romantiker bestenfalls belächelt. Sie wurde für den Hochmut mit den Grünen bestraft. Viel gelernt hat sie daraus nicht. Sie ist auf dem besten Weg, den Fehler zu wiederholen.

Man erkennt das an dem ratlos- verächtlichen Staunen, das die Piraten nach wie vor auslösen, ebenso wie an den hektischen Reaktionen auf die scheinbar aus dem Nichts geborenen Proteste gegen das Acta-Abkommen. Dass sich da in einer virtuellen Parallelwelt Kräfte aufbauen, die in die reale Welt hineinzuwirken beginnen, das immerhin schwant vielen. Aber was dahintersteckt, bleibt den meisten schon deshalb verschlossen, weil ihnen der technische Zugang fehlt.

Ihnen entgeht deshalb völlig, dass der Geist der Utopie vom alternativen Bauernhof still weitergewandert ist ins Dickicht des Datennetzes. Eine Generation von Stubenhockern hat am Bildschirm ihr Reich der Freiheit entdeckt – einen weltweiten Versammlungsraum, in dem potenziell jeder gleichberechtigtes Mitglied einer Gemeinschaft ist, die sich ihre Regeln selber gibt.

Natürlich ist dieses Selbstbild zu idyllisch, um ganz wahr zu sein. Aber dass beispielsweise das Online-Lexikon Wikipedia nicht zum Tummelplatz von Obskuranten geworden ist, sondern zum recht zuverlässigen Nachschlagewerk, belegt die Möglichkeiten der digitalen Selbstregulierung. Entsprechend empfindlich, ja apokalyptisch reagiert die Gemeinde auf alles, was nach dem Versuch riecht, ihr die Freiheit zu beschneiden.

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