Meinung : Pisa für Professoren

An den Hochschulen muss endlich auch die Lehre bewertet werden

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Alexander S. Kekulé Welche Vorlesung spannend ist und welche langweilig, erfahren die Studenten ziemlich schnell von ihren Kommilitonen. Auch welcher Prof ein fieser Prüfer ist und bei wem ein paar schöne Augen fürs Durchkommen reichen, war seit jeher campusweit bekannt. Doch was nützt einem das Insiderwissen, wenn man schon eingeschrieben, also den mächtigen Professoren auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist? Da wäre es doch hilfreich, schon vor der Auswahl der Hochschule etwas über die Qualität der Lehre zu erfahren – dachten fünf Studenten der TU Berlin und stellten kurzerhand die Seite „meinprof.de“ ins Netz. Dort darf jeder Student seinen Dozenten nach den Kriterien „Note im Verhältnis zum Aufwand“, „Wecken von Interesse am Stoff“, „Spaß“, „Verständlichkeit“, „Material“, „Unterstützung“ und „Fairness“ benoten. Im Zeitalter der Internetforen, wo von Urlaubshotels bis zu Kleinstadtkneipen so ziemlich alles von jedem bewertet wird, war die Berliner Idee naheliegend. Zumal auf der ganzen Welt schon längst ähnliche Ranking-Seiten existieren, wie etwa „ratemyprofessor.com“ in den USA.

Doch statt sich amüsiert an den Campus-Klatsch aus eigenen Studienzeiten zu erinnern, bewiesen viele Professoren, dass der Spaß bei ihnen aufhört, wenn es ums Notenkassieren geht. Die RWTH Aachen etwa drohte mit rechtlichen Schritten, wenn ihre Professoren nicht umgehend aus dem Ranking entfernt werden – nun können dort nur noch Dozenten benotet werden, die sich ausdrücklich einverstanden erklärt haben. Die Fachhochschule München stellte ihren Professoren Musterbriefe zur Verfügung, um den Meinprof.de-Betreibern die Veröffentlichung der Noten zu untersagen. Der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix sieht die Persönlichkeitsrechte der Professoren verletzt und befürchtet sogar, die improvisierte Hitliste könnte „von Institutionen verwendet werden, die Drittmittel vergeben“.

Die offenbar auch von den Professoren geteilte Befürchtung, der studentische Meckerkasten könnte von seriösen Drittmittelgebern missbraucht werden, ist auf den ersten Blick ziemlich abwegig: Alle Bewertungskriterien sind subjektiv, für etwaige Racheakte und auch für Manipulationen seitens der Dozenten stehen viele Türen offen. Andererseits zeigt die heftige Abwehrreaktion, dass Meinprof.de eine wunde Stelle des deutschen Hochschulsystems getroffen hat: Während für die Forschungsleistungen in den letzten Jahren halbwegs brauchbare Rankingverfahren eingeführt wurden, gibt es für die Evaluation der Lehre nach wie vor keine akzeptierte Methode. Kriterien wie das Wecken von Interesse am Fach und der Spaßfaktor für die Zuhörer sind problematisch, wenn etwa ein spannendes Notfallpraktikum mit trockener Medizinstatistik verglichen werden soll. Also berücksichtigen viele Evaluationsverfahren nur indirekte Merkmale wie die Zahl der Studenten pro Dozent, die finanzielle Ausstattung und die bei den Examina erzielten Noten.

So werden Professoren derzeit – wenn überhaupt – nur nach ihren Leistungen in der Forschung, nicht aber nach der Qualität der Lehre systematisch beurteilt. Wer viel publiziert, ist in der Fakultät angesehen und bekommt mehr Geld für seinen Lehrstuhl. Wer sich stattdessen intensiv um die Lehre kümmert, wird dafür bestraft.

Das kann nicht lange gutgehen. Keine der weltweiten Spitzenuniversitäten (acht der Top Ten sind in den USA) könnte es sich leisten, in der Qualität der Lehre auch nur minimal abzufallen. Service am Studenten, dem zahlenden Kunden des Bildungssystems, hat dort höchste Priorität. Mit dem auch hierzulande beginnenden Wettbewerb der Hochschulen ist deshalb eine Einbeziehung der Lehre in das Professoren-Ranking unverzichtbar. Das gilt umso mehr, wenn – wie viele Rektoren vollmundig ankündigen – auch ausländische Studenten angezogen werden sollen: Bei dem gerade veröffentlichten internationalen Uni-Ranking 2006 erreichte die beste deutsche Hochschule (LMU München) gerade mal Platz 51, hinter neun europäischen Konkurrenten.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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