PKK entführt Deutsche : Ein Bild vom Feind

Es gehört zu den eingeschliffenen Übungen der kurdischen PKK, sich gerade dann als Opfer zu bemitleiden, wenn sie unbescholtenen Menschen Gewalt antut. Das ist im Fall der verschleppten deutschen Bergsteiger nicht anders. Doch die Rebellenorganisation muss einsehen, dass solche Aktionen weder den Kurden in der Türkei noch den Kurden in Deutschland etwas nützen.

Ein Kommentar von Thomas Seibert

Es gehört zu den seit Jahren eingeschliffenen Übungen der kurdischen Rebellenorganisation PKK, sich gerade dann als Opfer zu bemitleiden, wenn sie unbescholtenen Menschen Gewalt antut. Das ist im Fall der verschleppten Bergsteiger aus Bayern nicht anders. Schuld an der Entführung ist aus Sicht der Rebellen die Bundesrepublik, die in jüngster Zeit verstärkt gegen die Aktivitäten der von der Türkei, den USA und der EU als Terrorgruppe eingestuften Untergrundorganisation vorgeht.

Türkische Fachleute rechnen zwar trotzdem mit einer raschen Freilassung der Geiseln – der Terrorexperte Ercan Citlioglu etwa sagt, die PKK werde bald erkennen, dass sie sich mit den Entführungen selbst schade. Aber der Fall Ararat hat eine für Deutschland, die Türkei und andere Staaten besorgniserregende Komponente: Deutschland wird gewissermaßen zum Feind erklärt. Die PKK nimmt keine Rücksicht mehr darauf, ob sie im Westen geliebt oder gehasst wird.

Das war nicht immer so. Besonders in den Hochzeiten der Guerilla in den neunziger Jahren bildete Westeuropa für die PKK ein wichtiges Standbein. Kurden in Deutschland und anderen europäischen Ländern liefern immer noch – freiwillig oder unter Zwang – einen wichtigen Teil der Finanzmittel für die Organisation. Europäische Politiker und Verbände zeigten Verständnis für militante Kurden, die vom türkischen Staat oft mit brutalen Mitteln unter Druck gesetzt wurden. Der Propagandasender Roj-TV, dessen Verbot bei der Entführung am Ararat offenbar eine Rolle spielte, sendet von Dänemark aus, andere Medien der PKK sind in Belgien und Deutschland ansässig. Als PKK-Chef Abdullah Öcalan vor fast zehn Jahren auf der Flucht vor der Türkei war, suchte er unter anderem in Italien und in Griechenland Unterschlupf.

Diese Zeiten sind vorbei. Seit die Türkei im Rahmen ihrer EU-Bewerbung einen neuen Kurs in der Kurdenpolitik eingeschlagen und einige Reformen zugunsten der Volksgruppe eingeführt hat, wirkt der bewaffnete Kampf überholt – ja, er bremst sogar weitere Reformen zugunsten der Kurden in der Türkei. Europa hat reagiert und fährt seit einigen Jahren eine härtere Linie gegen die PKK. Deutschland hat damit begonnen, Mitglieder der Rebellengruppe an die Türkei auszuliefern. Anders als bei der nordirischen IRA gibt es in der PKK jedoch keine Führungsfiguren, die die Zeichen der Zeit erkannt hätten. Anschläge auf Urlauber und andere Zivilisten in der Türkei in den vergangenen Jahren zeigten die PKK als rücksichtslose Terrorgruppe, für die Gewalt zum Selbstzweck geworden ist. Die Organisation, die einst als straff gegliederte und mit stalinistischer Härte geführte Guerilla bekannt war, wird zudem von blutig ausgetragenen Machtkämpfen erschüttert.

Die PKK – und nicht Ankara – ist heute das größte Hindernis für eine Lösung der Kurdenfrage. Sehr zaghaft öffnet sich dem Problem der türkische Staat. Die türkische Armee spricht inzwischen offen davon, dass das Kurdenproblem mit militärischen Mitteln allein nicht zu lösen ist. Erst vor kurzem lobte der designierte Generalstabschef die vom Parlament beschlossene Einführung eines neuen kurdischsprachigen Fernsehsenders.

Möglicherweise geht es der PKK bei der Ararat-Entführung nur darum, noch einmal in die Schlagzeilen zu kommen und die eigenen Anhänger aufzurütteln. Doch auch ein solches Motiv würde nicht bedeuten, dass der Spuk bald vorbei ist. Wer weiß, ob sich die Kurdenguerilla wirklich dazu durchringt, die Geiseln bald freizulassen, wenn man im PKK-Hauptquartier mit dem Presseecho in Deutschland und Europa zufrieden ist? Wer weiß, ob die Entführer nicht morgen neue Forderungen aus dem Hut zaubern? Selbst die Andeutung einer Kompromissbereitschaft seitens der Bundesrepublik wäre deshalb grundverkehrt.

Deshalb ist es gut, dass Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier öffentlich klargestellt hat, Berlin lasse sich nicht erpressen. Die PKK muss einsehen, dass solche Aktionen weder den Kurden in der Türkei noch den Kurden in Deutschland etwas nützen.

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