Meinung : Playmobil für die Republik

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Von Pascale Hugues

Stellen Sie sich vor, die Franzosen kämen auf die lächerliche Idee, die Bastille im Herzen von Paris wieder aufzubauen. Was für ein eitles Volk, das ein Mausoleum seiner Geschichte errichtet. Und was für eine schamlose Nostalgie. Die ganze Welt würde sich das Maul zerreißen. Die Deutschen lassen sich offenbar von solch einem Fetischismus des schlechten Geschmacks nicht abhalten. Der Bundestag hat nach zehn Jahren unfruchtbaren Streits beschlossen, in Berlins Mitte die Fassade des 1950 gesprengten Schlosses wiederaufzubauen.

Als der Regierungsumzug nach Berlin beschlossen wurde, habe ich gejubelt. Die Stadt ist voller Brachflächen, und die Deutschen haben Geld. Sie brauchten nur etwas Wagemut und Fantasie, um Berlin zu der avantgardistischsten Stadt Europas zu machen. Heute gilt es als chique, die Neubauten der jüngsten Jahre niederzumachen. Zu solchem Defätismus möchte ich nicht auch noch ermuntern. Die Wiederinbesitznahme des Reichstags war der auffälligste Architekturerfolg im neuen Berlin. Und es gibt einige mehr. Nur um welchen Preis! „Wir sind Gefangene des 19. Jahrhunderts“, klagte der britische Architekt Richard Rogers, als er Anfang der 90er Jahre in Berlin Projekte entwarf. Man weiß doch, zu welchem Kitsch es führt, wenn man sich zu sehr an das Vergangene klammert.

Es wäre nicht die erste Fälschung in Berlin. Das Hotel „Adlon“ – an diesem Luxusdampfer, der ins Auge sticht, ist alles falsch: die an die Decke gemalten Risse, um die Illusion einer Alterspatina zu erzeugen, die alten Bücher in der Bibliothek, die Meterware aus dem Antiquariat nebenan sind, die protzige Lobby, die sich abends mit einem demi monde aus Fernseh-Starlettes und etwas zu lauten Parvenus füllt. Ein weiteres Beispiel gegen alle Regeln der Kunst ist die Integration des Kaisersaals in den Sony-Komplex, wo er zu einer Pseudo-Szenebar degradiert ist, in der die schwäbischen Autobusse am Wochenende die Touristen abladen. Welche Seele hatte dieser vergessene Ort inmitten des Potsdamer Platzes in Ruinen, als man dort bis ins Morgengrauen Tango tanzte.

Und jetzt wird uns ein Barockschloss versprochen. Man wird sich mit Geduld wappnen müssen. Jede technische Heldentat wird man uns nahe bringen. Jeden Engelsfuß, der auf einer Brache wiedergefunden, jeden Adlerflügel, der in einem Depot entdeckt wird ... das Zusammenfügen des Puzzles wird man uns Schritt für Schritt erzählen. Und wenn die groteske Attrappe schließlich steht, wird sie so viel Charme haben wie ein fehlerlos zusammengesetzter Playmobil-Bausatz.

Berlin ist die einzige deutsche Stadt, die Ausländer fasziniert. Berlin ist weder im Wohlstand erstarrt, noch totsaniert noch so sterbenslangweilig wie viele andere deutsche Städte. Es hat keinen dieser zweifelhaften historischen Stadtkerne, die als Muss bei jedem Touristenrundgang gelten – mitten in einer mit Blumenkübeln zugestellten, sauberen, aber leblosen Fußgängerzone. Berlin mit seinem Wildwuchs in der Innenstadt, mit seinen riesigen, hässlichen Plätzen, mit denen niemand etwas anzufangen weiß – dieses Berlin braucht kein Schloss, um zum Träumen einzuladen. Das haben die Anhänger eines Aufbaus des Hohenzollernschlosses vergessen. Wäre es nicht besser, diese absurde Idee schnell wieder zu begraben?

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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