Poker um Opel : Opus Magna

Ginge es nicht um die Opelaner und ihre Familien, deren Zukunft nach wie vor am seidenen Faden hängt – das Publikum könnte bei Chips und Bier gespannt dem Krimi folgen, der sich da gerade vor unseren Augen abspielt. Tatorte sind Berlin, Moskau, Detroit und Washington.

Antje Sirleschtov

Die Story zeigt einen der größten deutschen Arbeitgeber in der Automobilindustrie, wie er zum Spielball widerstreitender ökonomischer und politischer Interessen rund um den Globus wird. Und Hauptdarstellerin ist: Angela Merkel, die Bundeskanzlerin.

Ausgerechnet sie, die in weiser Ahnung schon zu Pfingsten verhindern wollte, dass sich das Ringen um Opel bis in den Bundestagswahlkampf hineinzieht, steht nun plötzlich mittendrin in einem undurchsichtigen Knäuel von Interessen, dessen rasche Klärung die deutsche Öffentlichkeit mit größer werdendem Nachdruck einfordern wird. Und zwar von ihr. Denn eines ist klar: Merkel hat die Sache früh zu ihrer Chefsache gemacht, hat ihren CSU-Wirtschaftsminister zu Guttenberg mit seinen Insolvenzplänen zum Schweigen gebracht und zu guter Letzt sogar ein deutliches Votum für den russisch-kanadischen Opel-Interessenten Magna abgegeben. Ohne Aussicht auf ein gütliches Ende der Opel-Übernahme wird es die CDU-Wahlkämpferin Merkel deshalb schwer haben auf den Marktplätzen im September.

Im Zentrum steht nach wie vor die Frage: Kann Politik Unternehmen und damit Arbeitsplätze überhaupt retten? Merkel selbst ist darauf, wie so häufig, eine klare Antwort schuldig geblieben. Sie hat stattdessen die Folgen der internationalen Finanzkrise zur Rechtfertigung für ihre eigene Opel-Agenda genommen und in zwei spektakulären Rettungsnächten im Kanzleramt der verbreiteten Sehnsucht der deutschen Öffentlichkeit nach einer Zukunft für alle Opel-Jobs Nahrung gegeben. Milliardenbeträge aus der Staatskasse hat die Kanzlerin dafür dem amerikanischen Opel-Eigentümer General Motors und auch den potenziellen Investoren versprochen. Und den Steuerzahlern hat sie zugesagt, dass Treuhandmodelle und wasserdichte Verträge darüber wachen werden, dass kein Steuergroschen zu viel oder am falschen Platz ausgegeben wird.

Nun pokern die GM-Eigentümer, und Merkel sitzt mit einem denkbar schlechten Blatt mittendrin. Rund vier Wochen vor der Bundestagswahl weiß niemand genau, ob der inzwischen von der US-Regierung finanziell aufgepäppelte GM-Konzern die europäische Tochter Opel überhaupt verkaufen will, ob ihm die Offerte des russisch-kanadischen Autobauers Magna strategisch ins Konzept passt oder er seine Anteile in Europa doch lieber bei einem Finanzinvestor ohne eigenes langfristiges Interesse parken will. Ja, es ist nicht einmal auszuschließen, dass womöglich beide Seiten – GM und Magna – längst im Grunde einig geworden sind und nun gemeinsam noch mehr Geld von der wahlkämpfenden deutschen Kanzlerin erwarten.

Eine pikante Vorstellung: Moskau und Washington lassen sich ihren Deal von Berlin teuer bezahlen. Es riecht alles in allem nach einem hohen Erpressungspotenzial. Und wenig Freiheitsgraden für die Bundeskanzlerin. Denn auch der amerikanische Präsident Barack Obama, zurzeit Eigentümer von GM, wird kaum eigene nationale Interessen außer Acht lassen, damit möglichst bald Opel an Magna verkauft und Merkel der Wahlkampf nicht verhagelt wird. Und wenn doch, dann wird die Kanzlerin dafür gewiss einen Preis bezahlen müssen.

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