Polemik zum Tag der Arbeit : Nutzen Sie den Tag der Arbeit politisch!

Hallo Sie! Ja, genau Sie da drüben! Um Sie geht es: Während einige wenige den Tag der Arbeit politisch begehen, nutzen die meisten ihn traditionell zum Vergnügen. Dabei hätten viele eine Politisierung bitter nötig.

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Geht raus und engagiert Euch, fordert Johannes Schneider - so wie diese Teilnehmer der traditionellen DGB-Demonstration im Jahr 2010.
Geht raus und engagiert Euch, fordert Johannes Schneider - so wie diese Teilnehmer der traditionellen DGB-Demonstration im Jahr...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sie, der Politiker sowieso durch die Bank für Verbrecher hält! Und Sie dahinten, für die die Griechen schuld an allem sind! Nicht zu vergessen: Sie da vorne an der Theke, der für die Piraten und ihr basisdemokratisches Transparenzgewese nur Hohn und Spott übrig hat! Und vielleicht auch Sie, die Sie nur aufstehen, wenn Ihnen ein Flugzeug eine Handbreit über den Dachfirst donnert!

Mit Ihnen würde ich gerne reden. Und Sie fragen, was Sie eigentlich am Dienstag vorhaben. Am 1. Mai. Am Tag der Arbeit, dem politischsten aller Feiertage hierzulande. Machen Sie einen Ausflug ins Grüne? Oder ein paar Heimwerkerarbeiten? Grillen Sie entspannt auf dem Balkon? Brauchen Sie mal wieder richtig Zeit für sich und die Familie, die ja eh das Letzte ist, auf das man sich in dieser schlechten Welt noch verlassen kann? Schön für Sie! Aber nicht ganz im Sinne des Erfinders.

Damit wir uns nicht missverstehen: Niemand möchte Sie zwingen, in Kreuzberg Steine zu werfen oder sich mit gelb gerauchten Gewerkschaftsveteranen auf der Straße des 17. Juni Bratwurst und SPD-Jazzbands reinzuziehen. Sie müssen sich nicht für Sachen engagieren, mit denen sie nichts am Hut haben – mit Leuten, denen Sie durchaus zu Recht verbohrtes Besitzstandswahrertum vorwerfen könnten. Aber der freie Tag könnte ja durchaus eine Gelegenheit sein, ihr Verhältnis zur gesamten politischen Sphäre zu überdenken. Zeit genug wäre ja.

Sehen Sie hier, was am 30. April und in der Walpurgisnacht in Berlin geschah:

Die Walpurgisnacht 2012 in Berlin
Teilnehmer der Demonstration "Nimm was dir zusteht - gegen Rassismus und soziale Ausgrenzung" haben offensichtlich ihren Spaß. Die Walpurgisnacht ist nach Angaben der Berliner Polizei weitgehend friedlich verlaufen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Foto: dpa
01.05.2012 07:49Teilnehmer der Demonstration "Nimm was dir zusteht - gegen Rassismus und soziale Ausgrenzung" haben offensichtlich ihren Spaß. Die...

Sie müssen dabei auch gar nicht all Ihre Überzeugungen über Bord werfen. Es ist nur so: Wenn ich Sie alle so reden höre – in Kneipen, auf der Straße, gern auch in unserem Leserforum auf Tagesspiegel.de – habe ich manchmal das Gefühl, dass es mit diesen „Überzeugungen“ gar nicht so weit her ist. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen das jetzt höflich sagen soll – vielleicht verzichte ich daher einfach auf Höflichkeiten. Es ist vielmehr so: Wenn ich Sie so reden und schimpfen höre, mache ich mir ein bisschen Sorgen um die politische Öffentlichkeit in diesem Land. Kaum einmal, dass sachlich Argumente ausgetauscht werden. Kaum einmal, dass auch nur der Versuch unternommen wird, einem Gegenüber ehrenhafte Absichten zu unterstellen. Stattdessen regiert Ihr unsägliches Querulantentum zu viele öffentliche Debatten. Immer dieses „Die feinen Damen und Herren Politiker ...“. Immer dieses „Die Naivlinge von der Piratenpartei ...“. Immer dieses „Der kleine Mann ist ja sowieso...“. Ich kann es nicht mehr hören!

Kann man am 1. Mai mal lesen: Klassiker der politischen Theorie.
Kann man am 1. Mai mal lesen: Klassiker der politischen Theorie.Foto: dpa

Gerade in Berlin habe ich das Gefühl, dass diese Form der alles verachtenden Stammtischrhetorik immer mehr Einzug in alle Bereiche des öffentlichen Lebens gehalten hat. Ich habe dafür durchaus Verständnis: Wo immer mehr Menschen auf engem Raum zusammenleben, wo die Schere zwischen Arm und Reich klafft und zu allem Überfluss noch die Bundespolitik präsent ist, gibt es viel Anlass für ungefilterte Unmutsäußerungen. Die müssen ja auch mal raus. Aber muss es denn immer dabei bleiben? Wollen Sie ewig in dieser Sphäre leben, die viel zu subjektiv ist, als dass man Sie allen Ernstes ein politisches Subjekt nennen könnte? Zu Deutsch: Sind Sie so doof oder wollen Sie partout so sein?

Sagen Sie jetzt einfach nichts – sonst muss ich auch noch Zahlen nennen. Laut dem Berlin-Trend von Infratest dimap aus der vergangenen Woche kennen 60 Prozent der Berliner Stadtentwicklungssenator Michael Müller nicht. Da sind Sie doch bestimmt auch dabei, oder? Wie bitte? Weil die Politiker eh alle gleich sind? Wie wollen Sie das eigentlich wissen, wenn Sie sich noch nie mit Herrn Müller ... Ach, was rede ich eigentlich!

Tun Sie mir also nur einen Gefallen: Nutzen Sie den 1. Mai in irgendeiner Form politisch! Nehmen Sie sich etwas zu lesen mit auf den Balkon! Machen Sie sich schlau: über die diffizilen Mechanismen des Euro-Rettungsschirms ESM, über jene der Piratenpartei und über die, die einen Gentrifizierungsstopp auch dann noch schwierig machen würden, wenn der politische Wille zu 100 Prozent da wäre. Wenn Sie danach noch immer auf „die da oben“ schimpfen, dann wissen Sie zumindest, wen genau Sie meinen.

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