Polen : An sich selbst gereift

Nach drei Jahren verlässt unser Polen-Korrespondent das Land und zieht Bilanz. In den letzten Jahren hat Polen einen dramatischen Wandel vollzogen.

Knut Krohn

Wohin fahren die Deutschen in den Urlaub? Nach Frankreich wegen des Essens, nach Italien wegen der Sonne, nach Österreich wegen der Berge. Und Polen? Geht nicht. Unser großer Nachbar im Osten hat einen zweifelhaften Ruf, und lediglich die Busladungen der Heimwehtouristen auf der Suche nach ihrer ostpreußischen Heimat oder einige jüngere Kulturbeflissene wagen den Schritt über die Oder.

Polen wird von Deutschland wie durch einen Zerrspiegel wahrgenommen. Vorurteile bestimmen noch immer das Denken, weniger die real existierenden Verhältnisse. Dabei hat das Land in den vergangenen Jahren nach dem EU-Beitritt in allen Lebensbereichen einen fast dramatisch zu nennenden Wandel vollzogen.

Was das heißt, wurde nach dem Absturz der Präsidentenmaschine in Smolensk deutlich. Über Nacht verlor der Staat einen großen Teil seiner führenden Köpfe aus Politik, Armee und Wirtschaft. Die Angst vor einer fundamentalen Krise des Staates machte die Runde. Eine solche Gefahr hat aber zu keiner Zeit bestanden, das Land hat sich als eine robuste und stabile Demokratie erwiesen.

Diese Leistung ist das Ergebnis eines bisweilen quälenden Lernprozesses, den Polen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion durchgemacht hat. Über Jahre war die politische Krise in Warschau der Dauerzustand, Regierungen kamen und gingen, an eine kontinuierliche Arbeit war kaum zu denken. Politik wurde eher durch Reflexe bestimmt, weniger durch klares demokratisches Kalkül.

In dieser Atmosphäre wurden kurz nach dem Beitritt des Landes zur EU im Jahr 2004 die national-konservativen Kaczynski-Zwillinge an die Macht gespült. Sie versprachen dem Volk eine moralische Erneuerung. Mit missionarischem Eifer gingen die beiden ans Werk, teilten alles und jeden in Gut und Böse und trieben einen dicken Keil in die Gesellschaft.

Das Kabinett des damaligen Premierministers Jaroslaw Kaczynski glich einer politischen Freak-Show aus national-klerikalen, populistischen und demagogischen Politführen. Innenpolitisch zerstritten, einte diese skurrile Runde vor allem das Verhältnis zum mächtigen Nachbarn im Westen. Sie alle sahen die Deutschen als Nachfolger von Kreuzrittern, preußischen Grenadieren und SS-Sturmführern.

Doch das polnische Volk zeigte sich reifer als die Herrschenden. Es kam zu der Erkenntnis, dass mit Totalopposition in einem geeinten Europa nichts zu holen ist, und so wurden die Kaczynskis bei der ersten Gelegenheit mit überwältigender Mehrheit abgewählt.

Mit der Amtsübernahme des liberalen Premierministers Donald Tusk scheint Polen nun in der politischen Normalität angekommen. Die neue Handlungsmaxime heißt Kooperation statt Konfrontation, was nicht nur das deutsch-polnische Verhältnis in ruhiges Wasser gebracht hat. Auch der Blick Warschaus auf die Europäische Union hat sich grundlegend gewandelt. Es scheint, als ob Polen und der Rest Europas endlich eine gemeinsame Sprache gefunden haben.

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