Meinung : Polen tickt anders

Trotz vieler Zweifel wird das Land Teil einer neuen EU

Thomas Roser

Leicht haben es sich die Polen mit ihrer Entscheidung für den EU-Beitritt nicht gemacht. Je länger der Weg in Europas vermeintlichen Speckgürtel währte, desto stärker mehrten sich die Zweifel, ob das Ziel die Entbehrungen lohne. Heftig wurde bei dem größten EU-Anwärter über das Für und Wider des EU-Beitritts gerungen. Doch das Schreckensszenario, dass die miserable Wirtschaftslage und unzählige Politskandale die Skeptiker in ihrer Verweigerungshaltung bestärken könnte, ist ausgeblieben. Trotz aller Zweifel haben sich die Polen für die Öffnung nach Europa entschieden: Mit ihrem Ja ist die Verwirklichung der Erweiterung der EU gesichert.

Nicht nur in Warschau, sondern auch in den Hauptstädten der EU-Partner dürfte man erleichtert sein. Ohne Polen, das mehr Einwohner als die anderen EU-Anwärter zusammen zählt, hätte das Erweiterungsprojekt sein Herz und an Sinn verloren. Auch für die Volksbefragung in Tschechien wäre ein Nein ein fatales Signal gewesen.

Mit dem Land, das einst mit der erfolgreichen Auflehnung gegen die Einparteienherrschaft zum historischen Wegbereiter der nun bevorstehenden EU-Erweiterung wurde, wird sich nicht nur das Gesicht, sondern auch das Koordinatensystem der EU entscheidend verändern. Die heftigen Reaktionen in Paris und Berlin auf Polens Schmusekurs mit der USA im Irak-Konflikt haben angedeutet, welche Schwierigkeiten die „neue" Ostdimension der Union dem „alten" Westen noch bescheren könnte. Polen wird ein armes, aber stolzes EU-Mitglied von der Größe Spaniens sein. Interessenkonflikte sind vorprogrammiert.

Die bisherigen EU-Staaten werden sich von paternalistischen Oberlehrer-Attitüden verabschieden, die Neumitglieder sich europäisch sozialisieren müssen: Der EU-Zutritt wird nicht nur den Polen, sondern auch den Partnern erweiterte Perspektiven bieten.

Die Erleichterung über das geglückte EU-Referendum wird rasch wieder den Sorgen des Alltags weichen. Denn vor dem Beitritt hat Warschau noch einen Berg von Hausaufgaben zu erledigen. Doch bereits bei den Beitrittsverhandlungen und dem Referendum haben sich Polens Improvisationskünstler als Liebhaber des letzten Augenblicks erwiesen. Polens Uhren ticken anders – daran werden sich auch die künftigen EU-Partner gewöhnen.

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