Politik im Wahlkampf : Verdruckst, unaufrichtig, beliebig

Das politische Spitzenpersonal ist damit beschäftigt, den Wählern eine Botschaft nahezubringen, die da lautet: Leute, eure Verzweiflung ist berechtigt! Aber das Problem sind nicht die Inhalte der Parteien. Das Problem sind vor allem diejenigen, die ihre Parteien repräsentieren - egal, ob Merkel, Steinbrück oder Trittin.

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Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin verteidigte sich am Montag gegen Vorwürfe in der Pädophilie-Debatte.
Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin verteidigte sich am Montag gegen Vorwürfe in der Pädophilie-Debatte.Foto: dpa

Es ist kaum zu glauben. Nur noch ein paar Tage bis zur Wahl, aber das politische Spitzenpersonal ist damit beschäftigt, den Wählern eine Botschaft nahezubringen, die da lautet: Leute, eure Verzweiflung ist berechtigt!

An den Wahlprogrammen liegt es nicht, das würden auch die Salonlinken kapieren, die mit dem Nichtwählen kokettieren, wenn sie nicht zu überheblich wären, sich ernsthaft damit zu beschäftigen. Das ist Demokratiearroganz der sich als etwas Besseres fühlenden, weil etwas besser verdienenden Stände. Natürlich gibt es eine Wahl. Nichts verbindet die Grünen mit der FDP, die AfD mit der SPD, die Union mit den Piraten. Da ist für jeden etwas dabei. Nein, das Problem sind diejenigen, die ihre Parteien repräsentieren, verdruckst, unaufrichtig, beliebig.

Und aggressiv. Peer Steinbrück, an der Spitze einer sich belauernden Sozialdemokratie, die Rot-Grün predigt, aber anderes vorbereitet, der als Ego-Shooter auf ein „Wir“-Gefühl setzt, benimmt sich wie ein Mofarocker mit Einfamilienhaus, der seine proletarischen Kumpels beeindrucken will. Die Zeitungsrubrik, in der er den gestreckten Mittelfinger zeigt, ist eigentlich wie gemacht für Angela Merkel: „Sagen Sie jetzt nichts!“, heißt sie. Und Merkel sagt nichts, über die Grenze des Erträglichen hinaus einfach nichts. Zum Fremdschämen ihre Fluchtversuche ins Neuland, peinlich ihre Hilflosigkeit, unangenehmen Fragen auszuweichen, gefährlich isolationistisch ihr ratloses Zaudern in der Außenpolitik.

Philipp Rösler: Wirkt wie unter bewusstseinsvernebelnden Drogen. Die Mitteilung der bayerischen Wähler lautet bei drei Prozent: Kann weg! Rösler aber versteht „Weckruf“ und posaunt pathetisch „Jetzt geht es um Deutschland!“. Das wirkt selbst für beinharte Liberale nur lächerlich. Es geht um sein Amt.

Und dann noch Jürgen Trittin. Ein Steuerwahlkampf, den kaum einer versteht. Ein Last-Minute-Schwenk zur Umweltpolitik, dem jede Energie fehlt. Und alles mit erhobenem Zeigefinger, ein Oberpädagoge. Aber dann lässt er sich von einer gefährlichen Geschichte einholen. Vor kurzem hat Trittin auf die Frage, was er Anfang der achtziger Jahre von pädophilen Strömungen in seiner Partei mitbekommen hat, auf Nordrhein-Westfalen verwiesen und gesagt: „Wir haben damals mit einem gewissen Erschrecken gesehen, wie sich das zugespitzt hat.“ Mit einem gewissen Erschrecken hören die Wähler jetzt, dass der Spitzenkandidat der Grünen damals in Göttingen als Verantwortlicher für ein kommunales Wahlprogramm zeichnete, demzufolge Sex mit Kindern straffrei gestellt werden soll. Oops, vergessen! Seine Erklärungen und Entschuldigungen klingen heute so „halbgar“, wie er es anderen vom moralischen Thron aus sonst gerne vorwirft. Und nichts wird besser durch die Verteidigungsversuche seiner Spitzenkandidatenkollegin Katrin Göring-Eckardt, die für sich die Gnade der späten Grünwerdung in Anspruch nimmt: Trittin sei „nur“ verantwortlich gewesen, geschrieben habe er das nicht. Ein Politikverständnis, das nicht vertrauenserweckend wirkt.

Was macht man als Wähler mit alledem? Eben das: wählen, trotz alledem, und zwar im Bewusstsein, dass es nicht um Perfektion, sondern um Annäherung geht, dass Parteien mehr sind als einzelne Personen, dass Wahlkampf nicht Politik pur ist, sondern deren Karikatur. In der Hoffnung, dass Politiker ihr Ergebnis, selbst wenn es gut ist, mit etwas mehr Demut entgegennehmen. Sie sind nicht unbedingt persönlich gemeint, wenn sie glauben, gewonnen zu haben.

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