Meinung : Politik ohne Papst

Warum die Union nicht versuchen sollte, beim Weltjugendtag zu punkten

Bernd Ulrich

Der Glaube ist ein eigen Ding. Er kann Berge versetzen, Lebenswege verlegen oder Tausende junger Menschen nach Köln bringen. Doch obwohl er so viel kann, ist der Glaube als Werkzeug völlig nutzlos. Sobald man versucht, ihn zu instrumentalisieren, weicht er zurück.

Die Ursache für diese merkwürdige Nutzlosigkeit ist einfach: Der Glaube hat nur einen Grund und nur einen Zweck. Sein Grund ist, dass es einen Gott gibt, und sein Zweck ist es, diesen zu verehren. Man kann also nicht glauben um-zu, sondern nur weil. Deswegen sind alle Versuche, beispielsweise unserer Gesellschaft mehr Religion zu verschreiben, damit der Zusammenhalt besser werde oder mehr Kinder geboren werden, ebenso vergebens wie, wohlmeinend zwar, aber eben doch: blasphemisch.

Natürlich kann man trotzdem versuchen, den Glauben für politische Zwecke zu ge- also missbrauchen. Darum liegt es nah und zugleich fern, die beiden großen Geschehnisse dieser Woche miteinander in Verbindung zu bringen: den Besuch des deutschen Papstes und den Wahlkampf in Deutschland.

Die Parteien, die das „C“ im Namen tragen, dürften am ehesten versucht sein, den Medien-Hype rund um den Papst zu nutzen. Doch das wäre dumm. Nun muss man der Union, insbesondere der CSU, im Moment jede Dumpfbackigkeit zutrauen, diese aber wäre besonders schädlich. Und zwar auch aus einem Grund, der speziell mit diesem Papst zu tun hat.

Es ist etwas Zartes und Schemenhaftes um Benedikt XVI. Das hängt zusammen mit seinem menschenscheuen Wesen, das ihn bei seinen öffentlichen Auftritten schüchtern und zerbrechlich erscheinen lässt. Das überrascht. Doch ob sich aus seiner dogmatischen Art tatsächlich schon ein zweites Wesen herausgebildet hat, ist noch offen. Mal bestätigt er die These, nach den Wunderwochen von Rom sei wieder der alte, harte Kardinal hervorgetreten. Dann wiederum scheinen seine Worte eine neue Färbung anzunehmen, die besser zu seinem unherrischen Auftreten passt.

So hat sich Benedikt in dieser Woche gegen die Idee gewandt, das „Christentum sei eine Menge von Geboten und Verboten, Gesetzen, die man einhalten muss und dergleichen“. Das heißt zwar nicht, dass er von diesen Verboten abgehen möchte. Aber etwas mehr in den Hintergrund rücken will er die paragrafenstarrende Moraltheologie offenbar schon. Der Glaube kann Berge versetzen – vielleicht kann er sogar Päpste verändern. Verlassen kann man sich darauf jedoch noch nicht.

Das Bild des Papstes in Deutschland ist ein Wackelbild, auf dem abwechselnd der Mystiker Johannes Paul und der Dogmatiker Ratzinger zu sehen sind. Wenn also die Union versuchen würde, sich von der prekären Popularität des Papstes etwas einzuheimsen und die vermeintliche Nähe der „C“-Parteien zu ihm hervorzukehren, um sie beispielsweise gegen die ungläubigen 68er zu wenden, so würde flugs die eine, die dunkle Seite des Papst-Images hervortreten und gegen sie gekehrt.

Die Klügeren in der Union werden sich daher vor dem Versuch hüten, den Papstbesuch zu instrumentalisieren. Sie hegen ohnehin nur eine einzige Hoffnung – dass die CSU den Mund hält. Und was erwartet der Weltjugendtag vom Wahlkampf? Gar nichts. Gut so.

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