Politik und Gelöbnis : Schämt euch

"Führen durch Vorbild", das sollen Soldaten lernen. Nun, einer wird kommen, der für sie dasteht. An dem können sie sich ausrichten. Ob es allen gefallen wird oder nicht, was Helmut Schmidt dann sagt – seine Haltung ist die richtige. Die einzig richtige.

Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

Da wird einer stehen und allen Wettern trotzen, auch den politischen. Allein am Pult, eingerahmt von Soldaten. Alt ist er, 89, und einer von den großen Weisen der Republik. Eine Mehrheit der Deutschen findet ihn – Kult. Die Rede ist von Helmut Schmidt, der seinerseits reden wird: beim feierlichen Gelöbnis von Rekruten der Bundeswehr vor dem Bundestag im Reichstagsgebäude am Jahrestag des Attentats auf Hitler. Richtungweisend. Vorbildlich. Das zeigt die Haltung.

Denn das hat es so auch noch nicht gegeben, noch nie. Historisch ist das, jawohl: Die deutsche demokratische Armee mit ihren Staatsbürgern in Uniform steht im Herzen Berlins, vor dem Gebäude, aus dem heraus entschieden wird, welchen Auftrag sie zu erfüllen hat. Eine Parlamentsarmee, die gelobt, das Recht und die Freiheit der Bundesrepublik tapfer zu verteidigen. Und sei es am Hindukusch.

Helmut Schmidt, ehedem Oberleutnant der Wehrmacht, mit Jahren im Krieg, später Bundesverteidigungsminister und Bundeskanzler in Zeiten der Nachrüstung, wird seiner Art gemäß darüber reden: über Freiheit, Verantwortung, Tapferkeit. Und, nicht zuletzt, Einsätze fern der Heimat. Die lehnt er aus seiner Erfahrung, seiner historischen Sicht und seiner politischen Weltsicht entschieden ab. Da werden manchem nicht nur vom Schellenbaum die Ohren klingen.

Als da wären: Soldaten, Offiziere, voran der erste Offizier der Bundeswehr, der Generalinspekteur, ein im Grunde bemerkenswert ziviler Mann. Und der Verteidigungsminister dieser Tage, Franz Josef Jung. Er wird den demokratischen Gestus zeigen, der heute herrscht. Jung sieht den Auftrag der Truppe anders als Schmidt und wird ihn dennoch mit Respekt hören. Wie der Wehrbeauftragte auch.

Respekt, das ist ein gutes, ein passendes Wort. Denn bei genauem Blick auf diejenigen, die da nicht kommen, die nicht kommen wollen, offenbart sich deren Respektlosigkeit in jeder Hinsicht. Dass der christdemokratische Präsident des Parlaments, der Volksvertretung, die die Soldaten doch eigentlich führt, nicht anwesend sein wird, der Vizepräsident aus den Reihen der SPD auch nicht! Dass außer Jung kein Mitglied der Bundesregierung der Bundeswehr Respekt zollt! Und die Bundeskanzlerin? Sie wird vertreten von der weitgehend unbekannten Staatsministerin Hildegard Müller, von der aber bekannt geworden ist, dass sie vielleicht demnächst in die Wirtschaft wechselt.

Auch die Abgeordneten, Abgesandte des Souveräns, dokumentieren ihr Desinteresse bis auf wenige Ausnahmen, zwölf an der Zahl, durch Fernbleiben. Der Bundesrat, die Länderkammer, verhält sich ebenso: Ole von Beust, der amtierende Präsident, Matthias Platzeck, der Nachbar aus Brandenburg, sie haben abgesagt. Und Klaus Wowereit, der Berliner Bürgermeister? Urlaub. Für Barack Obama aber kommt Wowereit zurück. Nach allem, was war, nach dieser republikweit und darüber hinaus beachteten Peinlichkeit, dass zuerst ein Subalterner aus dem Stadtbezirk diesen Ort verweigert hat, aus Sorge um die Sprinkleranlage unter der Grünfläche, bei dieser historischen Dimension des Geschehens … das ist alles respektlos – und beschämend.

Die stolze Rede, die vielen Reden im Parlament von der Integration der Bundeswehr in die Gesellschaft, zumal in die neue deutsche Republik nach der friedlichen Vereinigung wird so zu Gewäsch degradiert. Die Abgeordneten schicken die Soldaten in alle Welt, aber stehen hier nicht für sie ein? Weil auch ein paar kommen könnten, die anders denken, um die Feierlichkeit zu stören? Aber wahrscheinlich wollen sie nicht im Matsch stehen. Oder fürchten, die Sprinkleranlage könnte losgehen. Unsere Helden.

„Führen durch Vorbild“, das sollen Soldaten lernen. Nun, einer wird kommen, der für sie dasteht. An dem können sie sich ausrichten. Ob es allen gefallen wird oder nicht, was Helmut Schmidt dann sagt – seine Haltung ist die richtige. Die einzig richtige.

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