Politik und Gesellschaft : Macht, Moral, Zynismus

Keiner der Mächtigen, sagte Horst-Eberhard Richter vor Jahren voraus, werde mehr davor sicher sein können, dass ihm irgendjemand helfen würde, Unwahrheiten oder Machenschaften zu verschweigen. So ist es gekommen. Macht verlangt mehr denn je die Abwehr von Zynismus, der sich in einflussreichen Ämtern oft anschleicht.

von
Aus der Skepsis gegenüber Amtspersonen wird eine Schule des Skeptizismus.
Aus der Skepsis gegenüber Amtspersonen wird eine Schule des Skeptizismus.Foto: dpa

Ein interessantes Phänomen ist gerade zu beobachten, das sich sogar in Europa ausbreitet. In Frankreich noch eher in den Anfängen, in Deutschland schon stärker, ist es eine neue Beunruhigung der Bürger, Wähler, über den Zustand der Politik; und eine Beunruhigung, die sich zwangsläufig tiefer mit dem klassischen Typus Politiker auseinandersetzt. Eduard Spranger, der Philosoph und Psychologe, hat ihn im vorigen Jahrhundert als Machtmenschen dargestellt, dem Selbstbetonung und Selbstdurchsetzung über alles geht, damit als einen, der kein warmherziger Menschenfreund ist. Das Gute an der Auseinandersetzung ist: Eine sich zunehmend selbst vergewissernde Gesellschaft will solches Verhalten offenbar nicht mehr, jedenfalls nicht uneingeschränkt, durchgehen lassen.

Nun ist nicht die ganze Führungsschicht schlecht, nein, die Anstrengungen zur Enthüllung bloßen Machtstrebens sind stärker geworden. Keiner der Mächtigen, sagte Horst-Eberhard Richter vor Jahren voraus, werde mehr davor sicher sein können, dass ihm irgendjemand helfen würde, Unwahrheiten oder Machenschaften zu verschweigen. So ist es gekommen. Mit der Zeit sind Maßstäbe für staatliche Repräsentanten neu justiert worden, ob sie Francois Hollande heißen oder Christian Wulff, oder, oder, oder. Auch der Vorgang Hans-Peter Friedrich ff., um ihn einmal so zu nennen, fällt in diese Kategorie. Wer den Rechtsstaat vertreten soll, ihn aber (und sei es nur, weil er tumb ist) mit Füßen zu treten scheint, stärkt Misstrauen, dass es mit einem sozialen Verantwortungssinn nicht weit her ist, sondern egoistisches Machtdenken vorherrscht.

Richter folgerte seinerzeit, dass es eine neue Ethik brauche. Ein großes Wort! Zumal er an eine dachte, die nicht nur an den Führungspersönlichkeiten abgehandelt wird – die wir uns noch dazu selbst gesucht haben. Diese Ethik ist dementsprechend bisher nicht eingetreten, weit gefehlt. Aber ein Schritt ist gemacht: Da wächst ein Skeptizismus gegenüber den Amtspersonen, denen früher qua Funktion wie selbstverständlich Autorität in reichem Maß zugemessen wurde. Da die ihre Autorität aber gerade vielfach selbst infrage stellen, folgt dem die gesellschaftliche Entwicklung. Man könnte sagen: Es entsteht eine Schule des Skeptizismus.

Jeder Tag und Abend wirft uns neue Nachrichten entgegen, neue Äußerungen, neue Bildungen, schrieb der große Autor Robert Walser. Obwohl Gedanken, Dinge und Taten einander ähnlich zu sein schienen, durch Jahrhunderte und noch viel mehr durch Wochen. Aber, fragte Walser, soll uns das zur Unaufmerksamkeit verführen? Eben nicht. Denn heute gilt angesichts der Fülle an Wissenswertem umso mehr: Die Kriterien für das, was gute, vorsorgende, Demokratie und Rechtsstaat absichernde Politik sei, unterliegen immer neuer Prüfung, mag ihr Urgrund derselbe geblieben sein. In eine Anforderung an Politiker übersetzt heißt das: Macht verlangt mehr denn je die Abwehr von Zynismus, der sich in einflussreichen Ämtern oft anschleicht.

Wo Regeln sich ändern – und ändern sollen –, muss eine gesellschaftliche Debatte darüber geführt werden. Das ist die Selbstvergewisserung, von der die Rede war. Nur führt eine solche Debatte nicht zwangsläufig schnell zur Beruhigung, sondern kann auch zu weiterem Protest führen: bei denen, die bald als Wähler gefragt sind, in Frankreich, in Deutschland, bei der Europawahl. Soll sich bloß niemand darüber wundern, die Politiker zuletzt.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben