Politik und Seelenkunde : Zurück auf die Couch, Deutschland!

Psychoanalyse half viele Jahre lang, auch Politik zu verstehen. Das sollte sie wieder tun. Dazu müsste sie aber die Einwanderungsgesellschaft entziffern können - und Merkels Muttikratie.

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Alles für die Mutti, alles für den Club: Merkel-Anhänger auf einer CDU-Veranstaltung
Alles für die Mutti, alles für den Club: Merkel-Anhänger auf einer CDU-VeranstaltungFoto: dpa

Der einst berühmte Psychoanalytiker Tilmann Moser bemerkte kürzlich im Gespräch mit dem Journalisten Wolfgang Storz, seine Disziplin sei nicht mehr gefragt, Psychoanalyse in der Öffentlichkeit „fast out“. Alexander und Margarete Mitscherlich analysierten in den 60er Jahren „Die Unfähigkeit zu trauern“ der Nachkriegsdeutschen, Horst-Eberhard Richter legte erst die deutsche Familie auf die Couch und entdeckte in den rebellischen 70er Jahren dann „Die Gruppe“ als hierarchiearmes Alternativmodell zum institutionellen Politbetrieb. Ihre Bücher waren sämtlich Bestseller. Doch diesen Besteckkasten, sagt Moser, wolle heute keiner mehr.

Man stutzt kurz und muss dann zustimmen. Ja, warum eigentlich? Nicht dass es da nichts gäbe: Moser selbst nennt den Kollegen Thomas Auchter, der ein dickes Buch „zur Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte“ vorgelegt hat, und Hans-Jürgen Wirth, Professor in Frankfurt am Main. Das Kapitel „Masse und Macht“ in dessen Buch „Narzissmus und Macht“ nannte ein langjähriger Mitstreiter Helmut Kohls einmal die beste Analyse des ewigen Kanzlers, die er je gelesen habe. Doch auch die gelangte praktisch nicht in die breitere Öffentlichkeit.

Als guter Meister seines Fachs erklärt sich Moser das mit nur ein bisschen Publikumsbeschimpfung („biedermeierliche Tendenzen“), aber vor allem selbstkritisch: „Vielleicht waren die Hoffnungen zu groß, was Psychoanalyse für die Analyse politischer Prozesse leisten kann.“ Vielleicht müsste aber einfach nur eine neue Generation von Analytikern – und Analytikerinnen – ran. Diese Woche, in der die Konsolidierungsphase der deutschen Muttikratie zu beginnen scheint, wäre ein guter Auftakt.

Die Antworten zu Deutschlands Zukunft werden Frauen und Migranten geben

Was bedeutet es für eben diese politischen Prozesse, dass Deutschland seit nun acht Jahren von einer Frau regiert wird? Ist das wirklich ein Zeichen von „Regression“ (Moser), die kindliche Sehnsucht nach Mamis Rockzipfel? Vielleicht gibt es ja andere Müttermodelle, die zupackende Trümmerfrau zum Beispiel oder die rational kalkulierende Haushaltsvorsitzende. Was heißt es, dass erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte die Partei aus dem Parlament flog, deren Spitzenpersonal zuletzt an ein Alterskohortenprojekt weißer Männer zwischen 30 und 45 denken ließ? Wie kommt und was bedeutet es, dass einerseits etwa die Hälfte der Grundschüler in den westdeutschen Wirtschaftszentren Stuttgart und Frankfurt am Main aus Migrantenfamilien stammt, aber die Abwehr (ein schönes Freud-Wort) gegen die Einwanderungsgesellschaft stärker denn je scheint, jedenfalls in jenen bürgerlichen Milieus, an denen sich die politische Klasse orientiert und und aus denen sie sich rekrutiert? Und wie ließe sich dem abhelfen? Gibt es türkische und arabische Köpfe in Deutschlands psychoanalytischen Vereinigungen, die sich nicht nur den Neurosen von Einwanderern widmen dürfen, sondern auch denen der ganzen neuen deutschen Nation?

Margarete Mitscherlich hätte sicher ein paar Antworten geben können. Frauen, die Fremden schlechthin, sind da geschult. Mitscherlich, bis zuletzt hellwach und tatendurstig, ist 2012 gestorben. Viel zu früh, mit 95 Jahren. Warten wir also auf ihre Enkelinnen – und Enkel –, die dann nicht nur Moser und Wirth heißen dürfen, sondern auch Menjawi oder Öztürk.

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