Politiker und ihr Beziehungsstatus : „Der ist doch schwul“

Über die sexuelle Orientierung von Prominenten Bescheid wissen zu wollen, hat sich zum Volkssport entwickelt. Zuletzt im Blick der Deutschen: Umweltminister Peter Altmaier. In Russland sehen die Gepflogenheiten anders aus: Dortige Google-Nutzer wollen immer zuerst wissen, ob ein Promi Jude ist.

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Die Deutschen wollen wissen, ob Bundesumweltminister Altmaier homosexuell ist. Über Erfolg oder Misserfolg der Energiewende sagt diese Kenntnis allerdings nichts aus. Foto: dapd
Die Deutschen wollen wissen, ob Bundesumweltminister Altmaier homosexuell ist. Über Erfolg oder Misserfolg der Energiewende sagt...Foto: dapd

Peter Altmaier ist Bundesumweltminister. Ein Amt, mit dem größte Erwartungen verbunden sind. Minister Altmaier muss die Energiewende in Deutschland voranbringen. Deutschland interessiert sich mit Blick auf den CDU-Politiker jedoch für etwas ganz anderes: Ist Peter Altmaier schwul? Wer den Namen bei Google eingibt, der bekommt eine automatisch generierte Liste von Wörtern, nach denen andere bereits vor ihm am häufigsten gesucht haben. Bei Altmaier sind das „twitter“, „schwul“, „homosexuell“.

Über die sexuelle Orientierung von Prominenten Bescheid wissen zu wollen, hat sich zum Volkssport entwickelt. Gefühlt konzentrierte sich die Obsession lange auf die Fußball-Szene, auf Philipp Lahm, Jürgen Klinsmann, Joachim Löw. Alle drei sind verheiratet, Lahm und Klinsmann mittlerweile Väter, aber die daraus sich ergebende Antwort wird so nicht akzeptiert. Löw pflegt sich, trägt Kaschmirpullover, hat hübsche Wimpern. Der hat alles, was ein Lothar Matthäus nicht hat. Also ist alles sonnenklar im Reich der Mutmaßungen.

Und weil nichts Professionelles wachsen kann, ohne dass das Persönliche geklärt ist, muss das öffentliche Interesse befriedigt werden. Peter Altmaier ließ sich vom „Stern“ die seiner Aussage nach „nicht illegitime“ Frage stellen, ob er schwul sei. „Das Charakteristikum meines Lebens ist nun mal, dass ich seit 54 Jahren allein durchs Leben gehe“, sagte der Christdemokrat. Er leide nicht darunter. Der zufriedene (gar glückliche?) Single will diese Frage auch künftig nicht anders beantworten, „weil ich nicht möchte, dass ich als Politiker über meine sexuelle Identität definiert oder wahrgenommen werde“. Was interessiert es die Energiewende, ob der verantwortliche Politiker hetero-, homo-, a-, trans- oder ferrosexuell ist? Überhaupt gar nichts. Aber alle anderen interessiert es. Die wollten früher schon wissen, wann der (SPD-)Politiker sein y-tes Verhältnis endlich in die x-te Ehe münden lässt. Der Lafontaine mit der Wagenknecht? Es ist eine Binse, dass das Private politisch ist. Ein Politiker scheint erst als Politiker wahrgenommen und als Mensch akzeptiert zu werden, wenn Orientierung und Beziehungsstatus geklärt sind. Offenbar ist ein (sexuell) nicht geouteter Politiker Anlass zur Verunsicherung. Der Mehrheitsdeutsche sagt heute nicht mehr, dass der Politiker nicht schwul sein darf, er will aber wissen, ob der Politiker schwul ist. Wer das weiß, der weiß auch über Erfolg und Misserfolg der Energiewende Bescheid. Politik kann ganz einfach sein.

Kommt Trost aus Russland? Dortige Google-Nutzer wollen immer zuerst wissen, ob ein Promi Jude ist.

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