Politische Folgen : Baracks Petroleum

Die Ölkatastrophe gefährdet die politische Zukunft des amerikanischen Präsidenten. Sein Kalkül war nicht aufgegangen, seine Hoffnung enttäuscht worden. Und Mitleid währt nicht ewig.

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An den Fußsohlen des Mannes, von dem es einst hieß, er könne übers Wasser wandeln, kleben nun braune Klumpen. Barack Obama kann zwar nichts für den täglich größer werdenden Ölteppich im Golf von Mexiko. Aber diese Ausrede ist längst keine mehr. Vom Präsidenten des mächtigsten Landes der Welt wird erwartet, dass er auch Imponderabilien zu meistern versteht. Wenn nicht er, wer dann? Jimmy Carter war nicht verantwortlich für die Geiselnahme im Iran, George W. Bush trug keine Schuld an Hurrikan Katrina. Gemessen wurden sie trotzdem an ihrem Management der Katastrophen. Das ist weder anmaßend noch unfair, sondern Teil des Amts.

Seit dem 20. April, als die Bohrplattform „Deepwater Horizon“ explodierte, bahnt sich das Debakel an. Schleichend, stetig, zäh. Durch das offene Bohrloch strömen jeden Tag rund drei Millionen Liter Öl ins Meer. Sie verkleben die Kiemen der Fische und die Federn der Vögel. Viele Tiere verenden jämmerlich. Das amerikanische Festland ist bisher nur zu einem kleinen Teil betroffen. Noch ist die Ahnung düsterer als die Realität. Aber es ist alles nur eine Frage der Zeit. Das wahre Drama kommt erst noch. Und mit ihm kommen die Bilder, das Entsetzen, die Wut. Vor wenigen Tagen hat außerdem die Hurrikan-Saison begonnen. Sie beeinflusst die Rettungsarbeiten ebenso wie die weitere Ausbreitung des Ölteppichs. Seit dem 20. April ging alles schief, was schiefgehen konnte. Auch wer sich künftig nur aufs Glück verlässt, wird von diesem wohl verlassen sein.

Obama verließ sich nicht allein aufs Glück, sondern ernannte ausgerechnet den Brandstifter zum obersten Feuerlöscher. Er beauftragte British Petroleum (BP) mit der Lösung des Problems. Dafür gab es zunächst eine einfache Erklärung: Nur der britische Konzern schien über das notwendige Wissen und Gerät zu verfügen, um in 1500 Metern Tiefe eine offene Ölquelle zu verschließen. Mit jedem Fehlschlag in dessen Bemühungen aber stiegen die Zweifel, und je größer die Zweifel wurden, desto verzweifelter stand der Präsident da. Sein Kalkül war nicht aufgegangen, seine Hoffnung enttäuscht worden. Doch das Mitleid mit ihm währt nicht ewig. Plötzlich wird Schicksal als Versagen wahrgenommen, Pech als Unvermögen.

Amerikaner lieben die Natur. Ihre Nationalparks, Wildtierschutzgebiete und Staatsforsten umfassen ein gigantisches Gebiet. Diese Naturverbundenheit drückt sich freilich eher in einem Bedürfnis nach spiritueller Erbauung aus als in dem ökologistischen Weltverbesserungswunsch vieler Europäer. Überdies sind gerade die Bewohner der Golfregion sehr katastrophenerfahren – und entsprechend unaufgeregt. Aber Amerikaner glauben auch an die Möglichkeiten moderner Technik. Dass diese Ölquelle am Boden des Meeres sich partout nicht stopfen lassen will, empfinden sie als Verhöhnung.

Jimmy Carter und das Geiseldrama im Iran, George W. Bush und das Wüten von Hurrikan Katrina in New Orleans: Obama weiß, wie gefährlich ihm solche historischen Analogien werden können. Und im Spätherbst wird gewählt. Die Parlamentsmehrheit der Demokraten im Kongress steht auf der Kippe. Sollten ausgerechnet die ölbohrungsfreundlichen Republikaner von der größten Ölkatastrophe der Vereinigten Staaten profitieren, würde sich zum Drama die Tragik gesellen. Die Teerklumpen an Obamas Fußsohlen dürfen ihn nicht jetzt schon zur lahmen Ente machen.

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