Meinung : Politische Komödie

Sabine Heimgärtner

Eigentlich hatte man sich die ersten Monate des Superwahljahres in Frankreich ganz anders vorgestellt, ernsthafter, auch professioneller. Stattdessen präsentiert sich das Land acht Wochen vor den Präsidentschaftswahlen wie ein putzmunterer, aufgescheuchter Komödienstadl.

1. Akt, Anfang Dezember, französisches Fernsehstudio: In einem mutigen Versuch, die ihm anhaftende Verklemmtheit zu überwinden, bekennt der sozialistische Premierminister Lionel Jospin, er hätte "Lust", Frankreichs Staatspräsident zu werden, aber nur, wenn danach ein "Verlangen" der Franzosen und bei ihm bestehe. Sein Gegenspieler, der konservative Präsident Jacques Chirac, macht sich später die sexuelle Metaphorik geschickt zu eigen und spricht von seiner "Leidenschaft" Frankreich. Seitdem kichert die Nation, weil Regieren in Frankreich offenbar zu einer Gefühlsduselei verkommen ist.

2. Akt, Ende Dezember, Frauentheater: Weil ihre Männer sich zieren, die K-Frage für sich zu entscheiden, die jeweiligen Anhänger der "wahrscheinlichen" Kandidaten aber schon längst mit den Füßen scharren, springen die Ehegattinnen ein. Bernadette Chiracs Bekenntnisbuch "Conversation" wird zum Vorwahlkampf-Schlager und Bestseller unterm Weihnachtsbaum. Die Frau Jospins, die Philosophieprofessorin Sylviane Agacinski-Jospin, ist zwar gegen den "Familien-Wahlkampf", sie gibt gegen ihre Gewohnheiten aber dennoch ein Fernsehinterview.

3. Akt, Mitte Januar, San Domingo/Karibik: Ein Drahtzieher der Chirac-Clique, der vor sieben Jahren wegen der Parteispendenskandale um die Neogaullisten auf die Karibik-Insel geflohen ist, kehrt freiwillig nach Paris zurück und will auspacken. Das bürgerliche Lager verdächtigt die Sozialisten der Intrige und lässt Premier Jospin anlässlich der Euro-Einführung beim Shopping filmen, wie der vor laufenden Fernseh-Kameras ein einziges kleines Weizenbrot für sieben Euro kauft. Schon hat die wahlkampf-unlustige Nation wieder etwas zu kichern. "Würden Sie einem Präsidenten trauen, der für ein Stückchen Brot, ohne mit der Wimper zu zucken, sieben Euro bezahlt?"

4. Akt, Anfang Februar, Wahlkreis Belfort: Der frühere Innenminister Jean-Pierre Chevenement wird mit seiner Bürgerbewegung zum lachenden dritten Mann. Seine Umfragewerte bei den Wahlbürgern steigen, eine Karikatur zeigt ihn als Kassierer mit prall gefüllten Taschen zwischen zwei öffentlichen Toilettentüren, jeweils für die von der Linken und von den Rechten Enttäuschten.

5. Akt, 11. Februar, Avignon: Wie ein Monnarch erklärt Chirac seine erneute Kandidatur und verkündet sein Wahlkampfthema, Bekämpfung der Kriminalität. "Null Straffreiheit, außer für mich", titelt "Liberation" daraufhin in Anspielung auf Chiracs Affären.

6. Akt, 20. Februar, ein Faxgerät in Paris: Auf drei nüchternen Seiten bekennt sich der Regierungschef Jospin dazu, in den Ring zu steigen und bei der Präsidentschaftswahl gegen Chirac anzutreten. Ein langes amüsantes Stück, bei dem noch 23 weitere Kandidaten Statistenrollen spielen, nun aber soll es ernst werden.

Wie bloß? Die versprochene Wahlkampfdebatte will nicht in Schwung kommen. Jospin hat die größten Schwierigkeiten. Mit relativ inhaltslosen Parolen für ein "aktives, sicheres, gerechtes, modernes und starkes Frankreich" wird er sich noch oft fragen lassen müssen, warum er seine Ziele nicht schon früher, als Chef der linken Regierung, durchgesetzt hat. Chirac, über den Vertraute sagen, er sei als Kandidat besser denn als Präsident, setzt goldrichtig auf das Thema Innere Sicherheit. Die Kriminalitätsrate ist binnen Jahresfrist um acht Prozent gestiegen.

Derzeit sieht es so aus, als würde die Präsidentschaftswahl auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Chirac und Jospin hinauslaufen - wie üblich, zwischen den beiden "großen" Kandidaten. Auch dies bedauern jetzt schon viele. Durch die Zuspitzung der K-Frage zwischen Chirac und Jospin bis zum letzten Moment sind die Kandidaten der kleineren Parteien, seien es die Liberalen, die Grünen, die Kommunisten oder andere Vertreter des linken Spektrums, jetzt schon abgeschlagen. Die einen, weil sie durch die Einbindung in Jospins Regierung bis zum Schluss Loyalität wahrten, die anderen, weil sie mit ihrer Kampagne zu früh angefangen haben. Zwischen Jospin und Chirac wird es also bestimmt knapp, vielleicht spannend, aber kaum ernst.

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