Politisches Personal : Redlichkeit und Vertrauen statt Attraktivität und Rebellentum

Monti, Hollande, Merkel, Romney: Die Krise gebiert eine neue politische Biederkeit. Die Zeit der Verführer hingegen ist vorbei. Sie sind derzeit weder mehrheits- noch regierungsfähig.

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François Hollande - er will Frankreichs Präsident werden.
François Hollande - er will Frankreichs Präsident werden.Foto: AP

Ist die Vorratsdatenspeicherung richtig oder falsch? Soll der Westen in Syrien militärisch eingreifen oder nicht? Ist der Euro-Rettungsschirm zu groß oder zu klein? Was ist für Griechenland besser – sparen oder investieren? Wer weder Experte noch Ideologe auf einem dieser Gebiete, aber ehrlich ist, wird wohl antworten: Ich weiß es nicht, wir sind in der Krise, und die Krise ist komplex. Wahrscheinlich drückt sich darin ein Grundgefühl dieser Zeit aus. Eines mit Folgen.

In Italien wurde Silvio Berlusconi durch Mario Monti abgelöst. Spötter sprechen bereits von einer „neuen Biederkeit“ in Rom. Es geht sachlich zu und transparent – sämtliche Kabinettsmitglieder haben Einkünfte und Vermögen offengelegt. Technokraten führen die Regierungsgeschäfte. Der Kontrast zu einst könnte kaum größer sein. Seriosität statt Skandalon, Ernst- statt Sprunghaftigkeit.

In Frankreich wird morgen gewählt. In Umfragen liegt François Hollande vor dem amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy. Auch hier dominiert in erster Linie ein charakterlicher Gegensatz, die inhaltlichen Differenzen sind vergleichsweise marginal. Hier Sarkozy, der hyperaktive, glamouröse (Carla Bruni), etwas unstete, die großen Gesten liebende Politikinszenierer. Dort Hollande, ein eher farbloser Bürokrat, makellos und nüchtern, bedächtig, pragmatisch.

In Deutschland wiederum schwimmt Angela Merkel seit Monaten auf einer Woge der Beliebtheit, auch sie ein Typ wie Monti und Hollande. Uneitel, experimentierscheu, mehr von Nöten als von Ideen getrieben. Der einzige wirklich gefährliche Gegenentwurf zu ihr, der populär-populistische Karl-Theodor zu Guttenberg, war schmählich gescheitert. Seriös, bieder, bürokratisch, zuverlässig: Das schlägt glamourös, charismatisch, forsch, unterhaltsam.

Das Gefühl der Dauerkrise, die keiner durchschaut, gebiert offenbar eine neue Sehnsucht. Früher bestachen Menschen mit eingängigen Antworten. So muss es gemacht werden, dann wird alles gut. Freiheit statt Sozialismus. Gerechtigkeit statt Elite. Heute besticht das Versprechen, sich redlich um die beste Lösung zu bemühen. Lauterkeit im Bestreben ist wichtiger geworden als rhetorisches Talent. Auf Blender reagiert die Öffentlichkeit instinktiv hochallergisch.

Auch Barack Obamas Charisma hat sich durch meist folgenlos gebliebene Repetition verbraucht. Seine persönlichen Umfragewerte sind schlecht. Hinzu kommt jener Abnutzungseffekt, den Max Weber „Veralltäglichung“ genannt hat. Mitt Romney, der republikanische Herausforderer, ähnelt vom Charakter her Monti, Hollande und Merkel, im Vorwahlkampf musste er sich weit konservativer und rigoroser präsentieren, als er eigentlich ist. Dass sich Romney mit Obama aktuell ein Kopf-an-Kopf- Rennen liefert, bestätigt den Trend zur neuen Biederkeit.

Die Zeit der Verführer ist vorbei. Sie erzielen gegen die Sachbearbeitercliquen, gewissermaßen als Pausenerfrischung, zwar durchaus Achtungserfolge – Le Pen, Piraten, Tea Party –, doch sie sind weder mehrheits- noch regierungsfähig. Redlichkeit und Vertrauen dominieren über Attraktivität, Dogmatismus und/oder Rebellentum. Brot statt Spiele. Jedenfalls solange die Krise dauert.

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