Meinung : Politschlummermetropole

Im Berliner Wahlkampf sind die Trends klar – doch was herauskommt, ist offen

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Einer lächelt, eine guckt ergrimmt, der Dritte wartet ganz geduldig. Berliner Wahlkampf nennt sich das und macht den Eindruck, als gehe es um – nichts. Klaus Wowereit hat es geschafft, einfach „Bürgermeister“ zu werden: gemocht von sehr vielen, respektiert von allen dafür, dass er das herrschende Berliner Wohlgefühl repräsentiert. Sein Lächeln auf den kommenden Plakaten: modellhaft. Von oben herab sieht er zu, wie Grüne und CDU um Platz zwei konkurrieren.

Längst reden die, die sich überhaupt für Politik interessieren, mehr über die Zeit nach als über die Phase vor der Wahl. Die Zeit danach könnte spannender werden als das, was früher „heiße Phase“ des Wahlkampfs hieß und heute wie eine Art frühherbstliche Mobilisierungsbemühung der großen Parteien in Richtung wenigstens der eigenen Anhänger wirkt. Der Wahlkampf ist ein Wahlkämpfchen bloß – und deshalb dürfte nach dem 18. September Koalitionsmathematik interessanter werden als die Versprechen der Kandidaten in der Zeit, die noch bleibt.

Was spricht dafür, dass Wowereit mit den Grünen (ohne Renate Künast) regiert? Will man das? Oder werden die Grünen im Gefühlstumult aus Volksparteien-Hype und Sinkflug-Frust derart unleidliche Verhandlungspartner, dass der Sonnenkönig die CDU wieder vorlässt? Ist es vorstellbar oder sogar wünschenswert, dass Künast mit Frank Henkel über ein Bündnis verhandelt? Und dass die grüne und die CDU-Basis dieses Bündnis tragen?

Sicher ist nur: Wer Wowereit wählt, macht vieles möglich – von Rot-Rot III (was für das Interesse des Normalberliners an Politik fatale Folgen haben könnte) bis zum grün-schwarzen Modellversuch. Denn, nebenbei, der relativ grandiose Wowereit-Sieg könnte Künast zwingen, grün-schwarze Wege zu gehen, um aus ihrer Berliner Mission noch einen persönlich-politischen Erfolg zu machen.

Sicher ist ebenso, dass eine Wahlentscheidung für Renate Künast ähnlich unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben könnte. Und nicht mal CDU-Anhänger, die nach Jahren verdorrender Sympathien endlich ein bisschen Grund zu bescheidenem Stolz auf ihre Partei und den Vormann Henkel haben, können reinen Herzens wählen gehen: Rang zwei für die CDU – das wäre ein derart böse Demütigung für die Grünen, dass sie sich, um mitmachen zu dürfen, vom Polit-Smiley Wowereit die Seele abhandeln und die Verantwortung für die Schulverwaltung aufzwingen lassen: Imageverlust garantiert.

So ist das: keine Wechselstimmung, keine Klarheit, Unterscheidbarkeit in geringen Maßen. Künasts Fehler am Anfang des Wahlkampf haben – danke dafür! – noch am deutlichsten gemacht, was sie und ihre Partei hinter allen Öko- Masterplänen und Klimaschutzversprechen bewegt. Wowereit vermeidet Fehler. Henkel macht auf weiche Mitte.

Indes, kein Politiker ist zur Entfesselung von Streit verpflichtet, wenn sich das Publikum desinteressiert gibt. Wer Versprechen nicht prüft und Ansagen nicht einfordert, darf sich über ein nettes Wahlkämpfchen nicht wundern.

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