Meinung : Polizisten rund ums Paradies

Vergebens versucht Europa, die afrikanischen Armutsflüchtlinge aufzuhalten

Ralph Schulze

Viele Worte, wenig Taten. Auf den jüngsten EU-Treffen wird stets eifrig über die Notwendigkeit einer gemeinsamen Flüchtlingspolitik gesprochen: über koordinierte Abwehrschritte gegen die illegale, unkontrollierte Immigration. Und über eine legale und verkraftbare Einwanderung, die die meisten EULänder ja durchaus brauchen, um – mangels eigenen Nachwuchses – ihre Wirtschaft wie die Rentenversicherung am Laufen zu halten.

Doch die jüngste Nagelprobe für ein vereintes Vorgehen an der europäischen Südgrenze überzeugt nicht: Die schon Ende Mai mit großem Getrommel angekündigte EU-Überwachungsmission vor der westafrikanischen Küste im Atlantik, die später auch auf die Mittelmeerküste ausgeweitet werden soll, kommt nicht richtig in Fahrt. Die EU-Flotte, welche in diesen Sommermonaten die afrikanischen Armutsflüchtlinge aufhalten soll, die in kleinen Booten vor allem Richtung Kanarische Inseln schaukeln, hat sich offenbar in „bürokratischen und juristischen Problemen“ zwischen Europa und Afrika verheddert. Und die gemeinsame Küstenwacht-Armada, die so etwas wie eine europäische Jungfernfahrt unternehmen soll, wird sehr viel kleiner ausfallen, als großspurig angekündigt worden war.

Die Erfolgsaussichten der schwimmenden EU-Grenzer sind ohnehin bescheiden. Jene Flüchtlinge, die in diesem zweifelhaften Katz-und-Maus-Spiel erwischt und zurückgeschickt werden, dürften es aller Erfahrung nach wieder versuchen. Und jene, die bis zu den spanischen Kanaren oder anderen EU-Küsten durchkommen, werden Tausende ihrer zurückgebliebenen Landsleute ermutigen, sich ebenfalls ins Boot zu setzen und Kurs auf das gelobte europäische Paradies zu nehmen. Europa wird sich also an die Bilder mit erschöpften Flüchtlingen, die ihr Leben riskieren, gewöhnen müssen.

Nahezu täglich kommen derzeit schwarzafrikanische Flüchtlinge in schwankenden Holzbooten auf den Kanarischen Inseln an – mehr als 10 000 seit Jahresbeginn. Auch Richtung Italien und Malta ist der Flüchtlingsdruck nicht gesunken. Meist sind es junge Männer, für deren Odyssee die ganze Familie Geld zusammengekratzt hat. Kein Wunder: Wenn der in die Ferne gezogene Sohn in Europa Arbeit findet, verdient er leicht an einem Tag so viel, wie zu Hause nicht in einem Monat. Und damit kann er seiner zurückgelassenen Familie aus der Misere helfen.

Nun rächt sich, dass das reiche Europa gegenüber seinem armen Nachbarn Afrika bis heute eine Almosenpolitik betreibt, in deren Folge das Wohlstandsgefälle zwischen den beiden Kontinenten immer größer wird. Und deswegen wird auch der Strom jener Afrikaner, die auf der europäischen Seite des Mittelmeeres ihr Auskommen suchen, immer stärker anschwellen. Kein Grenzzaun, auch nicht die EU-Küstenwacht, wird diese Armutsmassen aufhalten können. Deswegen wäre Europa gut beraten, sich nicht nur in der Abwehr illegaler Einwanderung zu üben, sondern zugleich massiv in die Zukunft des wankenden „Schwarzen Kontinents“ zu investieren.

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