Meinung : Poltergeister im Nachbarhaus

Das deutsch-polnische Verhältnis ist ramponiert, auch wegen einiger Rechtspopulisten

Sebastian Bickerich

Was ist bloß mit den Polen los? Die Nachrichten sind geprägt von Anwürfen und Vorhaltungen, von Drohungen und Rückholaktionen, zuletzt für bedrohte Schiffsglocken. Es ist ja keine Bagatelle, wenn Polens Ministerpräsident Jaroslav Kaczynski seinen Sommerurlaub unterbricht, um im ehemaligen deutschen KZ Stutthof daran zu erinnern, wer Henker war und wer Opfer im deutsch-polnischen Verhältnis. Wenn er der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen wünscht, dass „alles, was sich mit dem Namen Erika Steinbach verbindet, so schnell wie möglich zu Ende geht“. Oder wenn eine Satire in der linken „taz“ zu staatsanwaltlichen Ermittlungen in Warschau führt.

Kein Zweifel: Das deutsch-polnische Verhältnis hat Schaden genommen, und es fällt zunächst schwer, die Schuldigen nicht dort zu suchen, wo es die meisten Vorhaltungen gibt – in Warschau.

Doch spricht aus den Erweckungschören tatsächlich die Mehrheit der polnischen Öffentlichkeit? Und wem nutzt die Aufregung – in Warschau auf der einen Seite, aber auch in Berlin, wo konservative Politiker bereits zu rhetorischen Gegenangriffen übergehen? Sicherlich nicht jenen, die sich um Mäßigung bemühen. Es gibt sie ja: etwa den liberalen Bürgermeister von Danzig, Pawel Adamowicz, der aus dem SS-Geständnis des Ehrenbürgers Günter Grass kein politisches Kapital herauszuschlagen versucht vor den Kommunalwahlen im Oktober. Oder die acht Außenminister des nachsozialistischen Polens, die ihrer derzeitigen Regierung wegen der Absage des Gipfeltreffens des Weimarer Dreiecks „Missachtung der europäischen Partner“ vorwerfen.

Wem die Aufregung dagegen nutzt, sind jene Kräfte, die sie entfachen. Augenfällig wird das beim Streit über die Vertriebenenausstellung „Erzwungene Wege“. Der Popanz, der um Steinbachs Schau gemacht wird, ist im Ernst ein plumpes Ablenkungsmanöver derjenigen, die eine seriöse Diskussion über erlittenes Leid gar nicht führen wollen – in Polen, aber auch in Deutschland. Die Bundesregierung hat mehrfach erklärt, dass sie nicht vorhat, das im Koalitionsvertrag benannte „sichtbare Zeichen“ eines Vertriebenengedenkens einzig auf dem Projekt des Bundes der Vertriebenen aufzubauen. Im Gegenteil: Zu Recht versichern deutsche Politiker, nur ein gemeinsames Gedenken im europäischen Kontext sei angemessen. Darin waren sich auch bereits die Präsidenten Rau und Kwasniewski einig, die mit ihrer „Danziger Erklärung“ den Grundstein für ein gemeinsames Gedenken legten.

Das aber wollen polnische Rechtspopulisten und, leider, auch viele Meinungsmacher in Warschau nicht mehr wahrhaben. Auf einmal sprechen selbst gemäßigte Politiker im Zusammenhang mit Deutschen kaum noch von „Vertreibung“. Stattdessen heißt es beschönigend, die Deutschen seien „umgesiedelt“ worden.

Polen hat allen Grund, an das Leiden zu erinnern, das Deutschland dem Land zugefügt hat. Doch ein Deutschland, das sich bewusst ist, am Krieg und am Tod hunderttausender Polen schuld zu sein, muss auch des Leides seiner Vertriebenen gedenken können. Deutsche und Polen waren sich einmal einig, dass man eine ehrliche Auseinandersetzung um erlittenes Leid nur gemeinsam führen kann. Es wäre schön, wenn man in Warschau zu dieser Einsicht zurückfände. Das Monopol der Erinnerung liegt weder bei Erika Steinbach noch bei den Brüdern Kaczynski.

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