PORTRÄT ABDURRAHMAN YALCINKAYA, GENERALSTAATSANWALT,TÜRKEI: : "Ich weiche nicht zurück"

Als Generalstaatsanwalt ist Abdurrahman Yalcinkaya heute so etwas wie der Großinquisitor der kemalistischen Staatsideologie, der die Republik von Islamisten bedroht sieht. Er fordert ein politisches Betätigungsverbot für den türkischen Premier Erdogan.

Susanne Güsten

Peinlich berührt waren die Bewohner des südostanatolischen Dorfes Kara, der Heimat des türkischen Generalstaatsanwalt Abdurrahman Yalcinkaya, als vor wenigen Tagen das Verbotsverfahren des Chefanklägers gegen die Regierungspartei AKP bekannt wurde. „Dass der Name der Familie Yalcinkaya in so einen Prozess hineingezogen wird, das betrübt uns sehr“, sagte ein Nachbar der türkischen Presse. Als fromme und sittenstrenge Leute genießen die Yalcinkayas von jeher einen guten Ruf in der Gegend. Der Großvater des Generalstaatsanwalts war ein bekannter Scheich, ein Onkel vertrat einst die AKP-Vorgängerpartei RP im Parlament, und zu der Dorfmoschee von Kara hat die Familie einen Gutteil der Baukosten beigetragen. Die Mutter des Mannes, der wegen der Lockerung des Kopftuchverbotes die Regierungspartei verbieten lassen will, trägt selbst das Kopftuch.

Auf dem Friedhof von Kara ist Moos über das Grab von Staatsanwalt Yalcinkayas Bruder Bakir gewuchert – die Eltern sind tot, und Abdurrahman Yalcinkaya ist lange fort aus dem Dorf, in dem er am 10. März 1950 zur Welt kam. Seit seiner Schulzeit lebt er in der Hauptstadt Ankara und ist auch in seinem Denken meilenweit von den religiös-konservativen Menschen in seiner Heimat entfernt.

Als Generalstaatsanwalt ist Yalcinkaya heute so etwas wie der Großinquisitor der kemalistischen Staatsideologie, der die Republik von Islamisten bedroht sieht. Selbst Kritiker der AKP werfen Yalcinkaya allerdings vor, in seiner 162-seitigen Anklageschrift gegen die AKP merkwürdige Maßstäbe anzulegen. Als Islamismus-Beweis gilt ihm zum Beispiel schon, dass Premier Recep Tayyp Erdogan einmal sagte, es sei egal, ob man Türke, Kurde oder Tscherkesse sei – alle Menschen seien vom selben Gott geschaffen worden.

Für Yalcinkaya ist diese Kritik unwichtig. „Ich weiche nicht zurück“, soll er Kollegen gesagt haben. Nun fordert er nicht allein ein Verbot der AKP, sondern auch ein politisches Betätigungsverbot für Erdogan, Staatspräsident Abdullah Gül und 69 weitere Politiker. Der Chefankläger will eine ganze Bewegung enthaupten. Sein Gegenspieler Erdogan bleibt trotzdem gelassen. Der Premier rief seine Anhänger auf, sich zu gedulden und sich mit Äußerungen über Yalcinkaya und dessen Antrag zurückzuhalten. Am Ende, so Erdogan, werde die AKP dank der Bemühungen des Chefanklägers nicht schwächer sein, sondern noch stärker als bisher. Susanne Güsten

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