PORTRÄT AHMED AL TAYYEB GROSSSCHEICH: : „Der Islam braucht eine Überarbeitung“

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Der renommierte Islamgelehrte war gerade von einer dreitägigen interreligiösen Konferenz in der National Cathedral in Washington zurückgekehrt, als ihn die Nachricht in seiner südägyptischen Heimatstadt Luxor erreichte. Ahmed al Tayyeb wird neuer Chef der Al-Azhar-Lehranstalt in Kairo – und ist damit künftig die höchste Lehrautorität in Glaubensfragen für den sunnitischen Islam. Ernannt wurde der 64 Jahre alte Kleriker per Dekret von Hosni Mubarak, der sich in Heidelberg von einer Gallenoperation erholt. Seit 1961 beanspruchen die ägyptischen Präsidenten das Recht, den Großscheich von Al Azhar zu bestimmen und stellen damit die wichtigste sunnitische Glaubenseinrichtung faktisch unter Kontrolle des Staates. Wie stark dies dem Prestige der seit dem 10. Jahrhundert existierenden Lehranstalt schadet, lässt sich leicht ausmalen, wenn man sich vorstellt, der Papst würde vom italienischen Präsidenten ernannt.

Ahmed al Tayyeb gilt als moderater und aufgeklärter Mann. Er trägt gerne Anzüge und spricht fließend Englisch und Französisch. Der Vater zweier Kinder tritt in die Fußstapfen von Mohammed Sayed al Tantawi, der am 10. März während einer Reise nach Saudi-Arabien an einem Herzinfarkt gestorben war. Der 81-jährige Tantawi genoss unter Theologen hohes Ansehen, eckte aber bei vielen Muslimen mit seinen verhältnismäßig liberalen Ansichten an.

Nachfolger Ahmed al Tayyeb wurde am 6. Januar 1946 in Luxor geboren, studierte zunächst in Ägypten und promovierte 1977 in Frankreich über Religionsphilosophie. Nach Lehraufträgen als Professor in Pakistan, Katar und Saudi-Arabien wurde er 2002 Großmufti von Ägypten. Tayyeb hat zahlreiche Bücher über islamische und marxistische Philosophie, über Kultur und Naturwissenschaften geschrieben. Das Denken der konservativen Muslimbruderschaft lehnt er genauso entschieden ab wie die religiösen Attitüden islamischer Fundamentalisten. Deren Fixierung auf Rituale und äußere Zeichen von Frömmigkeit – wie das Tragen von Bärten und „richtiger“ Kleidung – gehe zulasten der Entwicklung einer inneren Spiritualität, argumentiert er. Und in einem Interview zum Jahrestag des 11. September fügte er hinzu: „Wir sind uns darüber im Klaren, dass das islamische Denksystem eine dringende Überarbeitung braucht – angesichts der Verhältnisse in der arabischen Region und angesichts der Situation in der Welt insgesamt.“Martin Gehlen

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