PORTRÄT ALBERT II. KÖNIG VON BELGIEN: : „Wir stecken in einer politischen Krise“

Eigentlich wollte Albert II. gar nicht König werden. Er lebte zurückgezogen. Nun zwingt ihn die belgische Regierungskrise zum Handeln.

Ruth Reichstein
Albert II.
Zurückgezogener König. Albert II. von Belgien. -Foto: dpa

Eigentlich wollte Albert II. von Belgien nie König werden. Aber als sein Bruder Baudouin 1993 überraschend verstarb, blieb dem Jüngeren nichts anderes übrig: Mit 60 Jahren bestieg er den Thron und wurde Staatsoberhaupt von Flamen, Wallonen und der kleinen deutschen Gemeinschaft, die gemeinsam sein Königreich formen. 14 Jahre später steht der Monarch im Mittelpunkt des politischen Geschehens und das, obwohl Albert II. eigentlich äußerst diskret ist. Seine Residenz, den Bellvedere-Palast im Brüsseler Stadtteil Laeken, verlässt er praktisch nur zu offiziellen Anlässen. Mit der Presse kommuniziert der hochgewachsene Monarch ausschließlich per „communiqué“.

Aber zurzeit geben die Mitteilungen Alberts II. – so kurz und knapp sie sein mögen – die Richtung vor im belgischen Königreich. Sie sollen den Staat aus der politischen Krise führen: Knapp drei Monate nach den Parlamentwahlen hat das Land noch immer keine Regierung – im Gegenteil: Alle Verhandlungen sind gescheitert, die Parteien zerstritten. Eigentlich sollte der flämische Christdemokrat Yves Leterme eine Koalition aus flämischen und frankofonen Liberalen und Christdemokraten bilden, aber der Flame hatte Ende vergangener Woche aufgegeben: „Wir haben eine totale Blockade. So können wir nicht weiterverhandeln.“

Nun liegt es am König, die Verhandlungspartner aus dem flämischen Norden und dem frankofonen Süden wieder an einen Tisch zu bringen. Gestern hat er einmal mehr Politiker zu sich eingeladen, um einen neuen Verhandlungsführer zu bestimmen. Er gilt als eine der wenigen Identifikationsfiguren, die Flamen und Wallonen gleichermaßen akzeptieren. „Belgien – das sind Fußball, Bier und der König“, hatte Christdemokrat Yves Leterme einmal erklärt. Und es stimmt: Während der Graben zwischen Flamen und Wallonen immer tiefer wird, ist zumindest der König von allen Seiten akzeptiert.

Das musste er sich hart erkämpfen. Denn vor seiner Regentschaft galt er eher als Lebemann, hat sogar mit einer belgischen Adligen eine uneheliche Tochter. Aber er hat es geschafft, als volksnaher Monarch die Herzen der Belgier zu erobern. Die Frage ist, was der König in der Krise tatsächlich erreichen kann. Denn die Situation ist verfahren: Flamen und Wallonen wollen sich nicht einigen. Die einen wollen mehr Kompetenzen für die Regionen, die anderen wollen davon gar nichts wissen und alles so belassen wie bisher. Ruth Reichstein

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