PORTRÄT : "Alle Vorwürfe gegen mich sind frei erfunden"

Hashim Thaci ist Premierminister des Kosovo. Und er weiß, was der Westen von ihm erwartet. Er soll die Korruption und das organisierte Verbrechen bekämpfen - dabei könnte er selbst Teil von beidem sein.

Ulrike Scheffer
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Foto: AFP

Hashim Thaci weiß, was der Westen von ihm erwartet. „Meine Devise lautet: null Toleranz bei Korruption und organisierter Kriminalität“, sagte er kürzlich vor deutschen Journalisten in Pristina. Das sei kein Slogan, sondern wirkliche Entschlossenheit, fügte er hinzu. Berichte internationaler Nachrichtendienste sprechen eine andere Sprache. Danach ist der Premierminister des Kosovo selbst in das organisierte Verbrechen verstrickt.

Mit der Festnahme dreier BND- Männer im Kosovo stehen die Vorwürfe plötzlich wieder im Raum. Thaci hat sie stets als „frei erfunden“ abgetan. Offizielle Ermittlungen gab es bislang nicht – nicht in der Zeit nach 1999, als das Kosovo von den Vereinten Nationen verwaltet wurde, und schon gar nicht seit der Unabhängigkeit von Serbien im Februar dieses Jahres. Der Grund dafür ist einfach: Im kleinen Kosovo haben noch immer Familienclans das Sagen. Sie führten den Befreiungskampf an und besetzen nun Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft. Würde man die Strukturen aufbrechen, stünde das Land praktisch ohne Führung da.

Thaci ist Teil dieses Machtgeflechts. Schon Ende der 80er Jahre engagierte sich der heute 40-Jährige in Pristina im studentischen Widerstand gegen Serbien, Anfang der 90er Jahre ging er in den Untergrund. Im Schweizer Exil, wo er südosteuropäische Geschichte und internationale Beziehungen studierte, organisierte er den Aufbau der Befreiungsarmee des Kosovo (UCK), die nicht weniger brutal vorging als der serbische Gegner.

Da Thaci auch Waffen für die UCK beschaffte, unterhielt er zwangsläufig Beziehungen zu internationalen Banden. Nach dem Krieg gegen Serbien wechselte er zwar ins zivile Leben und wurde Politiker, dass er seine alten Freunde völlig vergessen hat – und sie ihn – ist aber unwahrscheinlich. Schließlich gibt es in einem Land ohne funktionierende Zoll- und Polizeibehörden lukrative Betätigungsfelder für das organisierte Verbrechen. So gelangt ein großer Teil des in Afghanistan produzierten Opiums über das Kosovo nach Westeuropa.

Fakten wie diese hört Thaci nicht gern, weshalb er sich Fragen zur organisierten Kriminalität lieber erst einmal ins Albanische übersetzen lässt. Erst als er gefragt wird, was er denn erwidert hätte, wenn ihm jemand vor zehn Jahren vorausgesagt hätte, dass er 2008 der erste Premier des freien Kosovo wird, erinnert sich Hashim Thaci offenbar an seine Studienjahre in Zürich. Plötzlich braucht er keinen Übersetzer mehr. Ulrike Scheffer

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