PORTRÄT ANATOLI NOGOWIZYN, VIZEGENERALSTABSCHEF : "Rückzug ist nicht Abzug"

Obwohl Anatoli Nogowizyn sich mit dem Titel eines Doktors für Militärwissenschaften schmücken kann, ist seine Vita eher die eines Haudegens.

Elke Windisch

Seit Beginn des Kaukasuskrieges verblüfft der bullige Drei-Sterne-General mit linguistischen Spitzfindigkeiten. „Rückzug ist nicht Abzug“ stammt von ihm, und auch der Ausdruck „Zwang zum Frieden“, mit dem Moskau seinen Krieg gegen Georgien verharmloste, soll auf Anatoli Nogowizyn zurückgehen. Noch mehr verwundert, dass Nogowizyn seinen unmittelbaren Vorgesetzten dabei an die Wand spielt: Nikolaj Makarow, den Präsident Dmitri Medwedew Anfang Juli zum neuen Generalstabschef ernannt hatte. Dass dennoch dessen Stellvertreter die strategische Initiative ergriffen hat, erklären Kreml-Astrologen damit, dass die Machtfrage zwischen Präsident und Premier bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Nogowizyn habe daher wie Putin die Rolle einer grauen Eminenz übernommen.

Eine Rolle, für die der 56-Jährige nicht gerade prädestiniert scheint. Obwohl er sich mit dem Titel eines Doktors für Militärwissenschaften schmücken kann, ist seine Vita eher die eines Haudegens. Einen zivilen Beruf hat er nie erlernt. Die Ausbildung zum Stabsoffizier absolvierte er an der Akademie für Luftabwehr. Dort gehört er 1980 mit zu den Besten des Jahrgangs. Nach dem Ende des Kommunismus und Sowjetmacht drückt er ein drittes Mal die Schulbank.

Zunächst wird er Stabschef der 11. Luftarmee, Anfang 2000 Oberbefehlshaber. Am Steuerknüppel eines Abfangjägers vom Typ SU-27 umkreist er im gleichen Jahr gleich dreimal den US-Flugzeugträger „Kitty Hawk“ im Japanischen Meer. Das Pentagon räumt den peinlichen Vorfall einen Monat später ein. Das Husarenstück macht Nogowizyn zum Medienstar, und auch im Kreml kann er damit punkten: Im Januar 2002 wird er zum stellvertretenden Oberbefehlshaber der Luftwaffe ernannt.

Nur vier Monate später ist Nogowizyns Höhenflug scheinbar zu Ende. Kontrolleure des Rechnungshofs stellen fest, dass unter seiner Führung der Kerosin-Verbrauch in der 11. Luftarmee um das 15-Fache gestiegen ist. Medien hängen den Fall an die große Glocke: Nogowizyn habe Flugbenzin in großem Stil verscheuert und die Erlöse in die eigene Tasche gesteckt. Beweise kann allerdings niemand liefern. Nogowizyn kassiert daher nur einen strengen Verweis und kurz danach die Beförderung zum Generaloberst. Den vierten und letztmöglichen Stern dürfte er sich an der Kaukasusfront verdient haben.

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