• PORTRÄT ANDREAS SCHLEICHER PISA-KOORDINATOR DER OECD:: „Schüler nicht in Schubladen packen“

PORTRÄT ANDREAS SCHLEICHER PISA-KOORDINATOR DER OECD: : „Schüler nicht in Schubladen packen“

Er ist umstritten, weil er die Steigerung deutscher Schüler in den Naturwissenschaften mit dem neuen Design der Pisa-Studie erklärt, anstatt mit dem dreigliedrigen Schulsytem.

Anja Kühne

Wenn heute in Berlin die Pisa-Ergebnisse präsentiert werden, wird Andreas Schleicher weit weg sein. Der Leiter der OECD-Abteilung Bildungsindikatoren und -analysen wird die große Schulstudie in Washington vorstellen, anstatt bei der Pressekonferenz neben seinen Widersacherinnen aus der Union zu sitzen: Karin Wolff, Kultusministerin in Hessen, die gerade Schleichers Rücktritt gefordert hat, und Bundesbildungsministerin Annette Schavan, die Schleicher vorgeworfen hat, der OECD zu schaden. Schleicher hatte die vorab bekannt gewordenen Steigerung deutscher Schüler in den Naturwissenschaften mit einem neuen Design der Pisa-Studie erklärt – weil er den Deutschen nicht den kleinsten Erfolg im dreigliedrigen Schulsystem gönnt, wie die Unionsminister meinen.

Der Eklat ist der Höhepunkt einer langjährigen politischen Feindschaft zwischen dem 43-jährigen studierten Physiker und Mathematiker und konservativen Kreisen. Diese sehen in Schleicher einen linken Betonkopf, der einen Kampf gegen das deutsche Bildungswesen führt: weil er eine frühe Selektion ablehnt, das dreigliedrige Schulsystem kritisiert und sich mehr Studierende wünscht – ein Anwalt der Masse statt der Klasse, wie seine Kritiker meinen.

Ausschlaggebend für Schleichers Weltanschauung war ein Schlüsselerlebnis in seiner eigenen Biografie. Der Hamburger Grundschüler erhielt keine Empfehlung für das Gymnasium. Nur dank der Intervention seines Vaters, eines Professors für Erziehungswissenschaften, machte er doch Abitur – mit 1,0 und nachdem er Sieger bei „Jugend forscht“ geworden war. „Deshalb bin ich dagegen, Schüler früh in Schubladen zu packen“, sagt Schleicher dazu, der vier Fremdsprachen beherrscht. Der Statistiker bringt seine Argumente nicht als deftige Polemiken mit erhobener Stimme hervor, sondern äußerlich unbewegt und trocken. Verwirrend für seine Gegner wie für seine Unterstützer ist es, wenn er eine lupenreine linke Position verlässt und Studiengebühren verteidigt.

Dem Eindruck, er gönne Deutschland keine Erfolge, will Schleicher heute entgegentreten, indem er eigens eine Auswertung für jene 22 Aufgaben vorlegt, die bereits bei Pisa 2003 in den Naturwissenschaften getestet wurden. Dabei sollen sich die deutschen Schüler nicht verbessert haben – Schleicher hätte sein jüngstes Scharmützel mit den Kultusministern gewonnen. Anja Kühne

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben