PORTRÄT ANDY COULSON TORY-SPRECHER: : „Es geschah ohne mein Wissen“

Es ist der größte Medienskandal seit Jahrzehnten: Die britische "News of the World" hat Handys von Tausenden abgehört. Der damalige Chefredakteur ist heute PR-Chef der Konservativen. Was wusste er?

Matthias Thibaut

Einst gehörte er zum magischen Zirkel der Boulevardzeitung „The Sun“, wo er die schwarzen Künste des britischen Boulevardjournalismus zur Vollendung brachte. Seit zwei Jahren ist Andy Coulson Kommunikationschef der Tories und nicht nur strategischer Vordenker für einen Wahlsieg von Parteichef David Cameron. Dazu gehört, seinen ehemaligen Arbeitgeber Rupert Murdoch davon zu überzeugen, dass die Tories die Unterstützung von dessen Medienimperium verdienen.

Nun bringt der größte Medienskandal seit Jahrzehnten alles durcheinander: Niemand glaubt dem 41-jährigen ehemaligen Chefredakteur der „News of The World“ (NotW), dass er von den massiven Abhöraktionen seiner Redaktion nichts wusste, über die der „Guardian“ jetzt berichtet. Coulson war im Januar 2007 bei der „NotW“ zurückgetreten, weil Hofkorrespondent Clive Goodman und ein Privatdetektiv systematisch Handy-Mailboxen britischer Royals geknackt hatten – vom Butler bis hinauf zu Prinz William. Doch das war nicht alles, wie man nun lesen kann: Coulsons fleißige Redakteure waren bis zu 3000 Politikern und Promis per Lauschattacke auf der Spur. Bis zu zwei Dutzend Journalisten waren involviert. Warum hat Andy Coulson nichts gewusst? War er inkompetent oder Mitwisser?

Anders als viele Tories ging Coulson nie durch die Kaderschmieden des Establishments, Eton, Oxford oder Cambridge. Er fing direkt nach der Gesamtschule beim „Basildon Echo“ an. Das Gefühl für das, was die Leute interessiert, hat er nie verloren. Mit 20 war er bei der „Sun“. Exkusive „Scoops“ über Seitensprünge von David Beckham, Fußballtrainer Sven Göran Eriksson oder den blinden Innenminister David Blunkett seien alles solide journalistische Recherchen gewesen, wurde behauptet. Heute ist man sich da nicht mehr ganz so sicher.

2003 wurde Coulson von Murdoch zum Chef der „NotW“ gemacht. Nach dem königlichen Abhörskandal habe er die Verantwortung für das übernommen, was ohne sein Wissen passiert sei, erklärte Coulson gestern. Tory-Chef Cameron stellte sich voll hinter ihn: „Wir Tories geben Leuten eine zweite Chance.“ Aber schon am Donnerstag war zweifelhaft, ob Cameron seinen Verbindungsmann zum Murdoch-Imperium halten kann. Die Polizei und das Parlament haben die Ermittlungen wieder aufgenommen. Bald muss Coulson aussagen, vielleicht sogar unter Eid. Matthias Thibaut

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