PORTRÄT ANNE SINCLAIR FRAU DES JAHRES: : „Keine Sekunde habe ich das geglaubt“

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Sie hat ihm beigestanden, als ihn die New Yorker Polizei wegen des Verdachts der Vergewaltigung des Zimmermädchens in Handschellen abführte. „Keine Sekunde habe ich den Anschuldigungen Glauben geschenkt, die gegen Dominique Strauss-Kahn erhoben wurden“, sagte Anne Sinclair damals. Als seine Frau unterstützte sie ihn moralisch und finanziell. Ohne ihre geerbten Millionen hätte DSK, wie der über die Sex-Affäre gestürzte Direktor des IWF und Hoffnungsträger der französischen Sozialisten für die Präsidentenwahl 2012 kurz genannt wird, die Tage bis zum Gerichtstermin nicht in einem luxuriösen Haus in Manhattan verbringen können. Sie hielt auch zu ihm, als er nach seiner Rückkehr in Paris mit dem Vorwurf der versuchten Vergewaltigung einer jungen Schriftstellerin konfrontiert wurde. Und sie steht weiter zum ihn, wenn er demnächst wegen der möglichen Verwicklung in eine Callgirl-Affäre gehört wird. Gerüchten über eine Trennung, die der „Figaro“ verbreitete, trat sie mit einer Klage entgegen.

Was ist das für eine Frau, die mit DSK seit 20 Jahren in zweiter Ehe verheiratet ist und ihrem als Schürzenjäger bekannten Ehemann die Treue hält? Ein still duldendes Weibchen, das Mitleid verdient, oder eine überdurchschnittlich selbstbewusste Emanzipierte, die Bewunderung provoziert? In einer Umfrage für die feministische Webseite „Terra femina“ kürten sie 31 Prozent der Teilnehmerinnen zur „Frau, die die Franzosen in den vergangenen zwölf Monaten am meisten beeindruckt hat“.

Damit rangiert sie vor der neuen IWF-Direktorin Christine Lagarde (24 Prozent) oder der Sozialistenchefin Martine Aubry (23 Prozent). Während diese vor allem mit Leistungen brillieren, habe die erfolgreiche frühere Fernsehjournalistin Sinclair, die demnächst die Frankreich-Ausgabe des Internetnachrichtendienstes „Huffington Post“ leiten soll, vor allem durch ihre Haltung Eindruck gemacht, meint Véronique Morali von „Terra femina“. Für Frauen sei sie sowohl eine Heldin als auch eine Anti-Heldin. Viele Frauen stellten sich die Frage, wie sie sich in solcher Situation verhalten hätten. In der heutigen Gesellschaft komme ihr eine Schlüsselrolle zu.

Eva Joly, die Kandidatin der französischen Grünen zur bevorstehenden Präsidentenwahl – sie erhielt in der Umfrage elf Prozent Zustimmung –, findet das Ergebnis bestürzend. Es spreche für eine Vorstellung des Verhältnisses von Mann und Frau, das „sehr, sehr überholt“ sei. Hans-Hagen Bremer

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