PORTRÄT : Anwar al Bunni: „Das Urteil ist politisch motiviert“

Ein syrischer Anwalt erhält den Menschenrechtspreis des Deutschen Richterbunds. Seit zwei Jahren sitzt er im Gefägnis.

Martin Gehlen

Sein Markenzeichen war stets ein Lächeln. Auch vor Gericht hat es ihn nie verlassen. Denn Anwar al Bunni, syrischer Rechtsanwalt, ist überzeugt von seiner Mission. 2007 wurde er wegen „Verbreitung staatsgefährdender Falschinformationen“ zu fünf Jahren Haft verurteilt. Sein Verbrechen: Er hatte Folter in syrischen Gefängnissen angeprangert. Einer seiner Mandanten, der 26-jährige Mohammed Shaher Haysas, war in den berüchtigten Verließen von Sednaya gestorben – offiziell an einem Herzinfarkt. Der Leichnam, den die Behörden im April 2006 an seine Familie übergaben, war gezeichnet von Folterspuren.

Anwar al Bunni forderte die syrischen Behörden auf, den gewaltsamen Tod seines Mandanten zu untersuchen – doch nichts geschah. Stattdessen geriet er selbst auf die Anklagebank. Und seit gut zwei Jahren sitzt er im Gefängnis Adra, 40 Kilometer nördlich von Damaskus. Die feuchte Zelle teilt der rheumakranke 50-Jährige mit mehr als dreißig anderen Gefangenen. „Ich betrachte das Urteil als politisch motiviert und als eklatanten Verstoß gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung“, sagte er noch im Gerichtssaal. Am Donnerstag verlieh ihm der Deutsche Richterbund im Max-Liebermann-Haus in Berlin den Menschenrechtspreis.

Der Geehrte wurde 1959 als zweitjüngstes von sieben Geschwistern geboren. Von 1979 bis 1986 studierte er Jura in Damaskus und machte sich 1988 als Rechtsanwalt selbstständig. Seither verteidigt er Menschenrechtsaktivisten und politisch Verfolgte vor dem syrischen Staatssicherheitsgericht. 2006 unterzeichnete der Vater dreier Kinder die Beirut-Damaskus-Erklärung, in der über 300 libanesische und syrische Intellektuelle dazu aufriefen, die Beziehungen zwischen beiden Staaten zu normalisieren. Jahrelang wurde er belästigt, eingeschüchtert und bedroht. Ende 2005 drängten ihn Unbekannte im Auto von der Straße ab, verprügelten ihn und ließen ihn schwer verletzt liegen. Später misshandelten ihn zwei Gefängniswärter, zwangen ihn, auf allen Vieren zu kriechen, und rasierten ihm mit Gewalt den Kopf. Einen „modernen Helden“ nannte der Völkerrechtler Christian Tomuschat den Preisträger in seiner Laudatio und fügte hinzu: Als Deutscher könne man nur bewundernd die große Leistung von Anwar al Bunni anerkennen, „der sich nicht hat einschüchtern lassen und sich nicht in die Schar der Mitläufer eingereiht hat, die es gewiss auch in Syrien gibt“.

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