• PORTRÄT ARTHUR SULZBERGER JR. „NEW YORK TIMES“-CHEF:: „Die schwierigste Situation der Firmengeschichte“

PORTRÄT ARTHUR SULZBERGER JR. „NEW YORK TIMES“-CHEF: : „Die schwierigste Situation der Firmengeschichte“

Moritz Schuller

Auf dem Deckblatt der „Vanity Fair“ ist die halbnackte Giselle Bündchen abgebildet, im Heft geht’s es dann Arthur Sulzberger Jr. an die Wäsche. „The Prince and the Paper“ heißt die ausführliche, wenig schmeichelhafte Geschichte über den Chef der „New York Times Company“, die Sulzberger als aufrichtigen Zeitungsmann, aber überforderten Kaufmann beschreibt, als einen, der die Qualität der „Times“ um jeden Preis erhalten will, dem aber langsam die Mittel dazu ausgehen.

Der 57-jährige Arthur Sulzberger Jr. führt das Familienunternehmen seit 17 Jahren, er ist die vierte Generation bei der „Times“. Die Krise der „grauen Lady“, die viele für die beste Zeitung der Welt halten, ist inzwischen so dramatisch, dass auch ein Verkauf nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Wie andere Zeitungen ist die „Times“ von der Finanzkrise und den sinkenden Anzeigenerlösen betroffen. Die „Chicago Tribune“ und die „LA Times“, Ikonen der amerikanischen Zeitungslandschaft, mussten bereits Insolvenz anmelden, und in San Francisco steht der „Chronicle“ vor dem Ende.

Den Zeitungen in den USA laufen die Leser weg, doch bei der „Times“ kommen kaufmännische Fehlentscheidungen hinzu: Vor zwei Jahren erst zog sie in ein prächtiges, von Renzo Piano entworfenes Glashochhaus. Das fast eine Milliarde teure Redaktionsgebäude soll nun verkauft werden, damit die Gruppe an frisches Geld kommt. Zudem möchte sich Sulzberger von seinen Anteilen an einer Baseballmanschaft trennen und vom „Boston Globe“. 1993 hatte Sulzberger den „Globe“ noch für 1,1 Milliarden Dollar erworben, heute ist der nach Schätzungen nur noch 20 Millionen Dollar wert. Die Sparvorgaben aus New York machte die Bostoner Redaktion selbst publik: Am vergangenen Samstag druckte sie eine Titelgeschichte in eigener Sache. Wie die „Vanity Fair“-Geschichte dürfte das Sulzberger, der stets verkündet, dass guter Journalismus sich auch verkauft, nicht wohlgetan haben.

100 Mitarbeitern soll nun gekündigt, den übrigen Redakteuren und Managern das Gehalt um fünf Prozent gekürzt werden. „Wir befinden uns in der ökonomisch schwierigsten Situation der Firmengeschichte“, sagt Sulzberger, dessen Sohn auch bei der „Times“ arbeitet. Doch ob der einmal das Erbe der Dynastie antreten wird, ist angesichts der Lage der Zeitung ungewiss. Moritz Schuller

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