Porträt Arye Sharuz Shalicar : „Ich kannte ja kaum Deutsche“

Israels Armeesprecher Arye Sharuz Shalicar: Als er in Berlin aufwuchs, hatte er mehrere Identitäten: „Für die Deutschen war ich ein Kanake, für die Moslems ein Jude, für die Juden ein krimineller Jugendlicher aus dem Wedding.“

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Foto: dtv
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Heute hat er nur noch eine: Arye Sharuz Shalicar ist Israeli, gläubiger Jude und Pressesprecher der israelischen Armee (IDF).

Auf dem Weg dorthin durchwandert Shalicar den ganzen Reigen Berliner Subkulturen: Mit 13 eröffnet ihm sein Vater, der aus Persien eingewandert ist, dass er Jude sei, eine Nachricht, die bei seinen muslimischen Freunden im Wedding nicht gut ankommt: „Ich erkenne einen Juden sofort, im ersten Augenblick. Außerdem gibt es keine guten Juden und du bist mein Freund. Du bist niemals ein Jude!“, ruft Mahavir. Shalicar erfährt nun den Hass und Antisemitismus der muslimischen Zuwanderer. Dank eines kurdischen Freundes macht er gleichwohl in einer Türkengang Karriere. „Auf dem Höhepunkt meines Gangster-Daseins verkaufte ich Gras, ging fast jeden Abend raus, um zu sprühen, hatte jedes Wochenende Schlägereien mit anderen Gruppen und plante Überfälle und Einbrüche.“

Nur langsam kann er sich aus diesem Milieu befreien und macht Abitur. Erst bei der Bundeswehr wird ihm bewusst, dass er Deutscher ist. „Ich kannte ja kaum Deutsche.“ An der FU beginnt er, Judaistik zu studieren und aus dem areligiösen Weddinger wird langsam ein gläubiger Jude. Nach einem Aufenthalt in einem Kibbuz isst er nur noch koscher – und er hat eine neue Heimat gefunden: Als ich nach Berlin zurückkam, „hatte ich nicht das Gefühl, dass ich nach Hause kam“.

Shalicar hat seine Identitätssuche nun aufgeschrieben („Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“, dtv, 14,90 Euro). Es ist eine Erfolgsgeschichte. Zugleich kann ihn das Land, in dem er aufgewachsen ist, nicht halten. Den Stolz, den er spürt, als er die Uniform der israelischen Armee anzieht, hatte er bei der Bundeswehr nicht gespürt. Es ist also, während wieder einmal viel über Ein- und Auswanderung gesprochen wird, auch die Geschichte eines Deutschen, der dieses Land freiwillig verlassen hat. Moritz Schuller

Arye Sharuz Shalicar liest am 28. Oktober im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin (19 Uhr, Fasanenstr. 79-90) und am 29. Oktober im taz- Café (19 Uhr 30, Rudi-Dutschke-Str. 23) aus seinem Buch.

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