Porträt : „Auch wir wollen Wahlen“

Die israelische Arbeitspartei war schon totgesagt. Nun ist sie dank der charismatischen Parteichefin Shelly Yachimovich wieder da. An Netanjahus Beliebtheitswerte reicht sie noch nicht heran - aber fast.

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Totgesagte leben länger. Zumindest in der israelischen Politik. Die Arbeitspartei wurde vom Wähler geprügelt, stolperte von einer Wahlniederlage zur nächsten und wurde von ihrem egomanischen Chef Ehud Barak gespalten. Doch nun ist sie wieder da: Einst staatsgründend, regierte sie drei Jahrzehnte lang und ist nun der einzige ernst zu nehmende Gegner des nationalkonservativen Likud unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei den Wahlen im Januar – und zwar dank Parteichefin Shelly Yachimovich. Umfragen sehen sie hinter Netanjahu auf dem zweiten Platz der beliebtesten Politiker und die Arbeiterpartei als zweitstärkste Partei. „Auch wir wollen Wahlen“, sagt Yachimovich deshalb selbstbewusst.

Die 52-jährige Ex-Journalistin ist alleinerziehende Mutter, Parteichefin und die wohl beste Parlamentarierin in einer mittelmäßigen Knesset. Yachimovich versteht es, mit ihren stets lächelnd, aber mit Nachdruck vorgetragenen Fragen ihre ideologischen Gegner in der Hochfinanz in Rage zu versetzen. Selbst ihre politischen Gegner in den Mehrheitsfraktionen geben zu, dass sie ausgezeichnete Arbeit leistet und aus der Opposition heraus wichtige Gesetzesvorlagen durchgesetzt hat. Allerdings nur zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Themen. Kein Wort zur Außen- und Sicherheitspolitik, dafür wohlwollende Worte für die Siedler, wohl aus wahltaktischen Überlegungen heraus. Sie ist der Gegenentwurf zu Netanjahu, politisch und persönlich. Hier der ultrakonservative Neoliberale, der alles zu privatisieren versucht. Dort die Sozialdemokratin alter Schule, die von einem Wohlfahrtsstaat träumt. Hier der genusssüchtige Machtmensch, dessen Autobiografie aus einem einzigen Wort bestehen könnte: Ich. Dort die Straßenkämpferin. Israel hat unter den Industrieländern der Welt die größte Schere zwischen Arm und Reich. Das ist Yachimovichs Thema.

Als 2011 im Sommer Woche für Woche Hunderttausende auf die Straße gingen um gegen die hohen Lebenshaltungskosten, gegen die horrenden Wohnungspreise, die verdeckte Teuerung, die Flucht der Regierung aus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und gegen den Zusammenbruch des Mittelstands zu demonstrieren, hofften alle auf eine drastische und dramatische Kehrtwende. Netanjahu versprach mit großen Worten eine solche. Doch, wie üblich, hielt er sein Wort nicht. Shelly Yachimovich hingegen spricht Tacheles – und hat bisher noch immer Wort gehalten. Charles A. Landsmann

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