PORTRÄT AUNG SAN SUU KYI, OPPOSITIONSIKONE IN BIRMA : "Ich rechne mit dem Schlimmsten"

Viele Birmanen setzen ihre Hoffnungen in die Unbeugsame Aung San Suu Kyi. Nun steht die Nobelpreisträgerin vor einer Verurteilung.

Richard Licht

Ihre schmale Gestalt ist auf der ganzen Welt bekannt. Aung San Suu Kyi, Friedensnobelpreisträgerin und Frontfrau von Birmas Oppositionspartei NLD, ist eine Ikone des friedlichen Widerstands – wie früher Nelson Mandela. Der Sänger von U2 redet auf Konzerten über die 64-Jährige, britische Botschaften plakatieren sie bei Empfängen, Amnesty International hat sie als Botschafterin des Gewissens geehrt. Alle hoffen, internationaler Druck könne die Generäle umstimmen. Noch immer sitzt die zierliche Frau, die vor 19 Jahren die letzten Wahlen gewonnen hat, ein. Seit 18. Mai steht sie in einem konstruierten Prozess vor Gericht, am Montag plädierte die Anklage, im August soll das Urteil fallen – bis zu fünf Jahre Haft muss sie fürchten. Einer ihrer Anwälte zitierte sie mit den Worten: „Ich rechne mit dem Schlimmsten.“ Sie hat immer wieder ihre Unschuld unterstrichen. Die vielen Verzögerungen sprechen für ein verunsichertes Gericht – mit so viel Aufmerksamkeit hatte die Junta wohl nicht gerechnet. Das Verfahren lässt aber auch ahnen, wie sehr die Generäle den Einfluss der Tochter des Unabhängigkeitshelden Aung San fürchten, obwohl sie 2010 gar nicht antreten darf. Ihr Haus in Rangun, in dem sie lange unter Hausarrest stand, soll angeblich abgerissen werden, damit es nicht zum Wallfahrtsort wird.

Suu Kyi kennt die Welt jenseits Birmas: Ihre Mutter war Botschafterin in Indien, Suu Kyi studierte in Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaft. Dort traf sie ihren Mann Michael Aris, mit dem sie zwei Söhne hat. Zu den Studentenunruhen 1988 kehrte sie zurück und warb für friedliche Reformen. Als ihr Mann 1999 im Sterben lag, wies sie das Angebot, nach England zu reisen, zurück. Sie war sicher, nicht wiederkommen zu dürfen.

Viele Birmanen setzen ihre Hoffnungen in die Unbeugsame. Dürften die Menschen wählen, sie würde wohl Präsidentin werden. Doch inzwischen fragt auch mancher Regimekritiker, ob ihre harsche Haltung und ihr Aufruf zu Sanktionen gegen die Junta auf Dauer hilfreich sind. Alle wissen, dass es 2010 in Birma keine freien Wahlen geben wird. Doch immer mehr warnen vor einem Wahlboykott. Sie sagen: Lasst uns die Gunst der Stunde nutzen, dass möglicherweise ein paar Kritiker gewählt werden können – und sind die erst gewählt, können sie sich auch öffentlich äußern, ohne verfolgt zu werden. Auf Suu Kyis Partei setzen nur wenige, denn die NLD hinter ihr ist längst eine Altherrenriege.Richard Licht

0 Kommentare

Neuester Kommentar