PORTRÄT AVITALL GERSTETTER JÜDISCHE KANTORIN: : „Schlechter Gesang beleidigt Gott“

Claudia Keller

Schulfreundinnen hatten Urgroßmütter und Onkel, die Familien verzweigten sich in viele Richtungen. „Ich hatte nur zwei Tanten“, sagt Avitall Gerstetter. Die Nazis haben in ihre Verwandtschaft große Lücken gemordet. Avitall Gerstetter ist 33 Jahre alt und die erste jüdische Kantorin in Europa. Heute wird sie im Bundestag singen, bei der Feier zum Andenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.

Es sei eine Ehre, vor den höchsten Repräsentanten des deutschen Staates aufzutreten, sagt die junge Frau, die zum Umpusten zierlich ist. Und es sei eine Ehre, für die Toten singen zu dürfen, auch für ihre Urgroßeltern. Sie sei stolz darauf, dass Bundestagspräsident Norbert Lammert sie ausgewählt hat, gibt Avitall zu, die nicht zum Prahlen neigt. Im Gegenteil. Sie geht ihren Weg, ohne Wirbel zu machen. Das ist nicht immer einfach. Denn in der Synagoge die alttestamentarischen Verse vorzutragen, ist eigentlich Männern vorbehalten. Aber Gerstetters Stimme ist besonders. Sie kann glockenhell Lebensfreude bejubeln und kurz darauf in dunklem Alt-Timbre um Vergangenes trauern.

Im Bundestag will sie mit der ermordeten Komponistin Ilse Weber „durch Theresienstadt wandern“ und mit einem tschechischen Lied „auf den Ruinen der Ghettos tanzen“. Es sind die beiden Pole, die jüdisches Leben in Deutschland bis heute ausmachen: die Erinnerung an die Vergangenheit und der unbefangene Aufbruch zu Neuem. Gerstetter selbst pendelt zwischen Berlin und Israel, zwischen der Synagoge, wo sie freitags und samstags singt, und dem Studio, wo sie Pop-CDs aufnimmt. Vergangenes Wochenende ist das Album „We will remember them“ fertig geworden, auf der sie von Sting-Gitarrist Dominic Miller begleitet wird. Ob alt oder modern, deutsch, englisch oder hebräisch, Maxime ist immer: Es muss gut sein, „schlechter Gesang beleidigt Gott“.

Die Sängerin ist überzeugt, dass das Leben selten gerade verläuft, sondern wie ihre rot-blonden Locken überraschende Drehungen nehmen kann. Deshalb glaubt sie fest an die Versöhnung von Muslimen, Juden und Christen und arbeitet an einem Mehr-Religionen-Haus, das sie in einem ehemaligen jüdischen Kinderheim in Berlin einrichten will. Seit fünf Monaten steht außerdem ihr Sohn im Mittelpunkt. Er heißt „Aviva“, hebräisch für „Frühling“ – Gerstetters ganz persönlicher kleiner großer Aufbruch. Claudia Keller

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