PORTRÄT BAO XISHUN : ''Ich schämte mich für meinen Körper''

Der 56-Jährige Bao Xishun aus der Inneren Mongolei ist nicht nur groß, er ist riesig, 2,36 Meter. Bis vor kurzem war er der größte Mann der Welt.

Harald Maass

Das Aufstehen fällt ihm schwer. Bao Xishun sitzt auf einem Hotelbett in Peking und zieht den Krückstock zu sich heran. Was dann kommt, erinnert an eine neugeborene Giraffe, die ihre ersten Gehversuche macht: Mit den Händen schiebt er seine Beine gerade, stützt sich auf den Gehstock, schwankt kurz und steht dann plötzlich wie ein gebeugter Riese im Raum, den Kopf unter der hohen Zimmerdecke geduckt. Bao lächelt verlegen. Der 56-Jährige aus der Inneren Mongolei ist nicht nur groß, er ist riesig, 2,36 Meter. Bis vor kurzem war er der größte Mann der Welt.

„Früher habe ich mich für meinen Körper geschämt“, sagt Bao. Er hat eine leise, fast schüchterne Stimme. Immer wieder schaut er zu seiner Frau, Xia Shujuan. Als die beiden im Sommer heirateten, ging die Nachricht um die Welt: Xia ist 1,68 Meter – und reicht ihrem Mann bis zum Bauch.

Ein Leben als Riese ist nicht einfach. „Ich habe Schuhgröße 56. Solche Schuhe gibt es in China nicht“, sagt Bao. Die weißen Sportschuhe, die er trägt, sind das Geschenk einer deutschen Spezialfirma. Schon als Kind sei er größer als alle anderen gewesen. Die Eltern wundern sich über das große Kind, doch zu einem Arzt schickt ihn niemand. Stattdessen wächst Bao zu einem Außenseiter heran. Weil die Familie arm ist, muss er Schafe hüten.

Erst im Alter von 19 Jahren untersucht ein Arzt in der Provinzhauptstadt Shenyang den jungen Mann. Durch das Leben im Freien hatte Bao Rheuma bekommen. Der Arzt schickt ihn zum Militär, wo Bao Spieler in der Basketballmannschaft wird. „Mein Vorteil war, dass ich ohne zu Springen den Ball in den Korb drücken konnte.“ Doch schon nach drei Jahren muss er wegen des Rheumas seine Sportlaufbahn beenden.

Wahrscheinlich hätte die Welt nie etwas von dem Riesen erfahren, wenn nicht 2004 ein Restaurantbesitzer der Stadt Chifeng auf ihn aufmerksam geworden wäre. Er überredete ihn, als Türpförtner in seinem Restaurant zu arbeiten. Die Begrüßung der Gäste durch den Riesen wurde zum Markenzeichen des Restaurants. Vergangenes Jahr erklärte das „Guinnessbuch der Rekorde“ Bao offiziell zum größten Menschen der Erde. Diesen Titel verlor er jedoch wieder. Im August wurde der Ukrainer Leonid Stadnik zum neuen Rekordhalter gekürt – mit 2,57 Meter. Dass er nun nur noch der zweitgrößte Mann ist, mache ihm nichts aus, sagt Bao. „Mein größtes Glück ist, dass ich nun eine Frau habe.“ Harald Maass

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