• PORTRÄT BERNARD THIBAULT GEWERKSCHAFTSBOSS:: „Die Regierung will ein Exempel statuieren“

PORTRÄT BERNARD THIBAULT GEWERKSCHAFTSBOSS: : „Die Regierung will ein Exempel statuieren“

Der französische Gewerkschaftschef gilt als wichtigster Gegenspieler zur Regierung im Streit um die Renten.

Hans-Hagen Bremer

Den Pilzschopf kennt ganz Frankreich. Fast jeden Tag war er in der vergangenen Woche in TV-Interviews zu sehen. Er gehört Bernard Thibault, dem Generalsekretär der Gewerkschaft Confédération Générale du Travail (CGT). Als Chef der bei der Staatsbahn SNCF, den Pariser Verkehrsbetrieben RATP oder dem Stromversorger Electricité de France (EdF) am stärksten vertretenen Gewerkschaft ist der Mann mit dem Beatles-Look im Konflikt um die Anpassung der Sonderrentenkassen der Staatsbetriebe an das allgemeine Rentensystem der wichtigste Gegenspieler der Regierung.

Die Betonung liegt auf Gegenspieler. Denn ein Gegner der Reform, gegen die nun Eisenbahner, Metro- und Busfahrer, Elektrizitätswerker sowie die Beschäftigten der Gaz de France in den Streik getreten sind, ist er keineswegs. Was ihn zum Gegenspieler der Regierung gemacht hat, ist die, wie er es ausdrückt, „Brutalität“, mit der Präsident Nicolas Sarkozy vorgeht. In ihrer jetzigen Form ist die Reform der Sonderrentenkassen für ihn nicht akzeptabel. Mehrmals hat er daher die Regierung aufgefordert, mit den Gewerkschaften und den betroffenen Unternehmen Verhandlungen über die strittigen Punkte aufzunehmen. Dem hat sich Arbeitsminister Xavier Bertrand bisher strikt widersetzt. Er kann an dem von Sarkozy festgesetzten Rahmen nicht rütteln lassen und will mit den Gewerkschaften allenfalls einzeln reden. „Die Regierung will uns auseinanderdividieren“, hat der CGT-Chef daraus gefolgert.

Der 47-jährige Thibault mag sich an die Erfahrungen erinnert fühlen, als es schon einmal um die Reform der Sonderrentenkassen ging. Als Sekretär der CGT-Eisenbahner hatte er im Herbst 1995 den Ausstand mitorganisiert, mit dem die Beschäftigten der öffentlichen Verkehrsbetriebe damals den von der Regierung Juppé vorgelegten Plan zu Fall brachten. Es war die Feuertaufe, mit der sich der mit 15 Jahren als Lehrling zur einst kommunistisch beherrschten CGT gekommene Thibault für den Aufstieg in die Gewerkschaftsführung qualifizierte. 1999 wurde er ihr Generalsekretär. Aus dem Politbüro der KPF trat er jedoch aus.

Unter ihm ist die CGT nicht mehr der Transmissionsriemen der Partei, sondern eine zu Reformen bereite Gewerkschaft geworden. An dem Kurs hält er trotz des Widerstands der Orthodoxen in seinen Reihen fest, doch angesichts der Härte der anderen Seite sah er sich zu der Feststellung genötigt: „Die Regierung will den Konflikt, um ein Exempel zu statuieren.“

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