PORTRÄT: BERTHOLD HUBER, VORSITZENDER DER IG METALL : "Jetzt sind wir dran"

Die Acht-Prozent-Forderung im Tarifstreit ist gewagt, und IG-Metall-Chef Berthold Huber weiß das auch.

Alfons Frese

Mulmig ist Berthold Huber diese Sache schon. Seit Monaten sorgt sich der IG-Metall-Chef, wie er die Erwartungen der Arbeitnehmer verbinden kann mit dem Abschwung. Eine Antwort hat er noch nicht. Im Gegenteil. Der Druck der Basis ist so groß, dass am Ende der von Huber geführte Vorstand die Tarifrunde 2008 mit einer Acht-Prozent-Forderung einläutet. Am liebsten würden die Arbeitgeber gar nicht in den Ring gehen, so groß ist das Entsetzen. Doch sie müssen und sind gut beraten, auf ein schnelles Ergebnis hin zu verhandeln, denn mit jedem Tag Warnstreik steigen die Erwartungen der Metaller.

Als IG-Metall-Chef von Baden- Württemberg hat Huber 1999 eine Tariferhöhung um 4,2 Prozent erreicht. Nicht übel. Doch diesmal wird das nicht reichen. „Jetzt sind wir dran“, sagt Huber heute und meint die Stimmung der Arbeitnehmer, die seit Jahren kaum die Preissteigerung ausgleichen können und die beobachten, wie sich die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland verändert hat. „Dies ist eine Tarifrunde für Arbeit und Gerechtigkeit“, sagt Huber, und intoniert damit die Tarifbewegung mit einer sozioökonomischen Begleitmusik, die zumindest ungewöhnlich klingt. Denn allein aus der gesamtwirtschaftlichen Produktivität und der erwarteten Inflationsrate ergibt sich nur eine Forderung von vier Prozent. Mit Hilfe der „Gerechtigkeit“ schwingt sich die IG Metall auf acht Prozent hoch.

Das ist gewagt, und Huber weiß das. Im November vergangenen Jahres wurde der heute 58-Jährige Vorsitzender der IG Metall und damit mächtigster Gewerkschafter hierzulande. Für die Metaller ist der gelernte Werkzeugmacher nicht sehr typisch; hier und da wird Huber als Philosoph tituliert, weil er mal ein paar Jahre studiert hat. Jedenfalls ist er breit gebildet und vielleicht auch deshalb ein Mann der eher leisen Töne. Vor dem Werksgelände, wenn es darum geht, die Mitglieder zum Kampf aufzurufen, überschlägt sich bisweilen seine Stimme.

Huber taugt schlecht als Einpeitscher und überhaupt nicht als Demagoge. Aber er hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und macht sich über den Tag hinaus Gedanken über die Zukunft der Industrie und der Arbeitsbeziehungen in Deutschland. Huber braucht keinen hohen Tarifabschluss, um sich Respekt in der eigenen Organisationen zu verdienen. Er braucht einen klugen Abschluss, der die Firmen nicht beschädigt. Alfons Frese

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