PORTRÄT BOGDAN ZDROJEWSKI : „Wollen wir nicht mal über die Zukunft reden?“

Der polnische Kulturminister Bogdan Zdrojewski zählt zu den größten Hoffnungsträgern der regierenden Bürgerplattform - auch für die deutsch-polnischen Beziehungen.

Sebastian Bickerich

Lichtjahre entfernt scheinen die Zeiten, als Politiker aus Warschau ausschließlich nach Deutschland kamen, um dort vor dunklen Mächten der Vergangenheit zu warnen – und um zu behaupten, Deutschland schreibe gerade seine Geschichte um. Restbestände dieser von Polens Wählern abgestraften Retro-Haltung finden sich allenfalls noch im Warschauer Präsidentenpalast, in dem der einsame Kaczynski-Bruder Lech weiter finstere Deutschlandbilder malt. In der liberalen Regierung unter Premierminister Donald Tusk ist es damit vorbei, und das ist auch das Verdienst seines Kulturministers Bogdan Zdrojewski.

Als der Ende der vergangenen Woche in Berlin die Kunstbiennale eröffnete, staunten nicht wenige über das selbstbewusste und optimistische Auftreten Zdrojewskis, der neben Außenminister Sikorski zu den größten Hoffnungsträgern der regierenden Bürgerplattform zählt. „Lasst uns nicht dauernd nur über die Vergangenheit reden“ – das ist die Kernbotschaft des jugendlich wirkenden 50-Jährigen, der elf Jahre lang Bürgermeister der schlesischen Metropole Breslau war und mit deutsch-polnischen Befindlichkeiten bestens vertraut ist. Die Politik sollte sich lieber darum kümmern, etwa den deutsch-polnischen Jugendaustausch wieder zu intensivieren, der zu Zeiten der doppelten Kaczynski-Herrschaft Opfer zahlreicher Intrigen und Mittelkürzungen war.

Dass Deutschland ein „sichtbares Zeichen“ zum Gedenken an Flucht an Vertreibung installieren will, nimmt Zdrojewski völlig gelassen. „Das ist doch Deutschlands Recht“, sagt er – und kann sich auch eine Mitarbeit polnischer Historiker gut vorstellen. Nur eine „Staatsaffäre“ solle man daraus nicht machen, schließlich sei die Erzählung von Geschichte Aufgabe von Historikern, nicht Politikern, sagt er unter Anspielung auf die in Polen verhasste Vertriebenenfunktionärin Erika Steinbach. Deshalb hält er auch den jüngsten Vorschlag des deutschen Außenministers Steinmeier, eine gemeinsame deutsch-polnische Geschichtsausstellung auf den Weg zu bringen, für „sehr interessant“.

Nur über ein Thema spricht Zdrojewski aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung in Polen nicht so gerne: Über die von Deutschland so gewünschte Rückkehr der „Berlinka“, der Schriftensammlung der Berliner Staatsbibliothek. Die sei in Krakau doch gut aufgehoben und öffentlich zugänglich, sagt er – und hält die Frage einer Rückführung nach Deutschland für „verfrüht“. Sebastian Bickerich

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