PORTRÄT BORIS JOHNSON LONDONS BÜRGERMEISTER: : „Ich habe mich geschämt“

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Den Wettlauf, wer als erster aus dem Urlaub zurück wäre, um sich nach den Krawallen in London an die Spitze der Aufräumarbeiten zu setzen, verlor er schon mal: Premier David Cameron brauchte nur aus der Toskana zurückfliegen, Boris Johnson musste aus den kanadischen Rocky Mountains anreisen. Cameron gab schon eine feurige Erklärung in der Downing Street ab, als Johnson noch wütend und beschämt in Vancouver auf dem Flughafenfernseher zusah, wie Croydon brannte.

Wütend, weil der konservative Cameron, sein engster politischer Freund und innerparteilicher Gegner, sich nicht nur den Briten als entschlossener Premier präsentierte, sondern auch dem rechten Parteiflügel der Torys, den Johnson als seine Hausmacht ansieht und mit dessen Hilfe er Cameron als Parteichef zu beerben hofft. Beschämt war er „über die kleine, aber bedeutende Minderheit unserer Mit-Londoner, die den Ruf Londons um den ganzen Globus beschädigen“.

Noch schneller war Johnsons anderer großer Gegner aus den Startlöchern: Ken Livingstone, sein Amtsvorgänger, will im kommenden Jahr sein Nachfolger werden und nach der Bürgermeisterwahl bei der Eröffnung der Olympischen Spiele eine Rolle spielen. Er tourte durch Sender und machte „Tory-Sparmaßnahmen“ für die Krawalle verantwortlich. Urlaub gönnte er sich nicht.

Dann endlich trat Johnson mit einem nagelneuen Besen in der Hand zum Aufräumen an. Aber als Saubermann ist er schlecht geeignet. Wo der Londoner Bürgermeister mit seiner blonden Mähne und dem verkrumpelten Anzug erscheint, verbreitet sich eher liebenswertes Chaos. Irgendwie eignet sich der unverwechselbare Johnson-Stil, immer hart an der Grenze des Humoresken, schlecht für nationale Krisen. Prompt wurde er ausgepfiffen. Wo bleibt die Polizei, fragten die Londoner.

Nun setzt sich Johnson in Szene und fordert ein Stopp der Sparmaßnahmen bei der Londoner Polizei – die Presse schrieb, er habe eine neue „Front“ gegen Cameron eröffnet. Cameron sieht das gelassener. Er weiß gut, dass Johnson Wahlkampf machen muss. Er kennt ihn aus den alten Studententagen im Zechclub Bullingdon, bezeichnet ihn als seinen besten Freund und muss inbrünstig hoffen, dass Johnson einen Wahlsieg Livingstones verhindert. „Bürgermeister wollen immer mehr Geld“, sagte Cameron kühl und verständnisvoll. „Regierungen geben ihnen, was sie brauchen.“ Matthias Thibaut

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