Porträt Bundesratspräsident : "Sagen Sie einfach Herr Böhrnsen"

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Jens Böhrnsen.
Jens Böhrnsen.Foto: dpa

Für 30 Tage den Bundespräsidenten mimen, sich im Schloss Bellevue umsorgen lassen, als VIP zu den Ballkünstlern nach Südafrika jetten, tiefschürfende Reden ans Volk halten. Nichts von alledem hat sich Jens Böhrnsen gegönnt. Als turnusgemäßer Präsident des Bundesrates musste er für 30 Tage Horst Köhlers Amtsgeschäfte übernehmen, und er tat es mit vornehmer Zurückhaltung – ein uneitler Diener des Staates.

Im Grunde blieb der 61-Jährige das, was er seit 2005 ist: Bürgermeister von Bremen, ein bescheidener Sozialdemokrat aus alter Arbeiter- und Gewerkschafterfamilie. „Wie soll man Sie jetzt anreden?“, wurde er oft gefragt. „Am besten sagen Sie einfach nur Herr Böhrnsen“, pflegte er zu antworten. Denn: „Ich bin nicht der Bundespräsident.“ Dann zitierte der einstige Verwaltungsrichter aus Artikel 57 des Grundgesetzes, wonach er lediglich „die Befugnisse des Bundespräsidenten“ innehat.

Das Amt ist nur geliehen – wie Böhrnsens festlicher Anzug, der Cut, den das Bundespräsidialamt ihm besorgt hat. Denn formvollendet muss es schon zugehen im Schloss Bellevue, wenn der Interimshausherr zum Beispiel neue Botschafter empfängt oder Bundesverdienstkreuze überreicht. Manchmal musste er auch Gesetze unterschreiben, die er praktischerweise schon kannte: weil er sie im Bundesrat mitberaten hatte.

Wenn Böhrnsen zwei Tage am Stück in Berlin zu tun hatte, schlief er nicht etwa amtsangemessen in Präsidentengemächern, sondern in seiner kleinen Zweitwohnung in Schöneberg. Das einzig Glamouröse, das er sich erlaubte, war ein lange geplanter Besuch als Bundesratspräsident bei Königin Beatrix der Niederlande. Ansonsten pendelte er fast nur zwischen Berlin und Bremen. Denn an der Weser mussten seine Amtsgeschäfte ja auch weitergehen: seine rot-grüne Koalition moderieren, Stadtteilfeste eröffnen, Preise verleihen.

Sein wohl letzter Auftrag in der Hauptstadt las sich in der Sprache der Bremer Senatspressestelle so: „Bürgermeister Böhrnsen gibt in seiner Aufgabe gem. Art. 57 GG einen Empfang zur Verabschiedung neu berufener Leiterinnen und Leiter deutscher Auslandsvertretungen (Berlin, Schloss Bellevue)“.

Das war’s dann also für den netten Herrn B. aus B. Selber einmal als Präsident zu kandidieren, kommt für den Joachim-Gauck-Anhänger nicht infrage. Obwohl ihm allseits bescheinigt wird, dass er nicht die schlechteste Wahl für das Amt wäre.Eckhard Stengel

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