Porträt : "Dann sagten die Grenzer: ausziehen!"

Alexandra Geisler ist Nato-Gegnerin. Ihre Doktorarbeit schreibt die 33-Jährige über Menschenhandel in Osteuropa. Die rumänischen Behörden verweigern ihr die Einreise - weil sie an einer Gegenveranstaltung zum Nato-Gipfel teilnehmen will.

Steffen Kraft

Für die Ganzkörperuntersuchung holten die rumänischen Grenzbeamten eine Frau. „Sie fragte mich, ob ich denn wüsste, was bald in Bukarest los sei“, sagt Alexandra Geisler. Es sei das erste Mal gewesen, dass die Grenzer den bevorstehenden Nato-Gipfel erwähnten. Zu diesem Zeitpunkt steht die 33 Jahre alte Berlinerin zusammen mit fünf weiteren deutschen Nato-Gegnern schon fast drei Stunden am bulgarisch-rumänischen Grenzübergang in der Donaustadt Calafat. Gehen darf die Stipendiatin der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung einen Tag später – wenn auch nicht in die Richtung, in die sie will. Das EU-Mitglied Rumänien hat den Deutschen die Einreise verweigert.

Geisler sei „eine Gefahr für die öffentliche Ordnung“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme von rumänischer Grenzpolizei und dem Geheimdienst SRI. Die aufgegriffenen Aktivisten gehörten zu einer „Organisation anarchistischer Ausrichtung“.

Alexandra Geisler weiß von dem Natogipfel. Sie ist über Osteuropa gut informiert, im Jahr 2005 hat sie eine Studie über den Frauenhandel dort veröffentlicht, zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit. Als sie an der Grenze abgefangen wird, ist Geisler mit der Gruppe auf dem Weg zu einem „Gegengipfel“ in Bukarest, einer „Anti-Nato- Woche“, wie es in den Broschüren heißt, die sie dabei haben. In den Flugblättern steht etwas von „Störaktionen“, aber auch, dass „Gewalt, genauso wie beleidigendes oder aggressives Verhalten gegenüber anderen bei den Treffen nicht toleriert wird“.

Die Grenzbeamten lesen das Material, beschlagnahmen tun sie es nicht. „Wir haben immer wieder gefragt, ob es mit den Broschüren ein Problem gibt“, sagt Geisler. Dass die Schriften aber offenbar zu weitergehenden Maßnahmen Anlass geben, erfährt sie erst einige Tage später. Sie versucht, an einem anderen Grenzübergang nach Rumänien einzureisen. Auch dort schicken die Beamten die Gruppe zurück – und händigen Alexandra Geisler ein Papier aus. Inhalt: Sie stehe nun im nationalen Register für Gefährder.

Für Geislers Doktorarbeit zum Menschenhandel in Osteuropa könnte das den Todesstoß bedeuten. Ohne Recherchen vor Ort ist wissenschaftliche Arbeit kaum möglich. „Ich kann nur hoffen, dass die mich wieder von der Liste streichen“, sagt sie. Genauere Informationen lassen sich dazu aber im Moment nicht bekommen. „Zu viel Arbeit mit dem Gipfel“, sagt ein Sprecher der rumänischen Botschaft in Berlin. Steffen Kraft

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben