Porträt : "Das Problem ist die Angst der Journalisten"

Die russischen Journalistin Natalja Morar wurde die Einreise in Moskau verweigert, weil sie angeblich die "nationale Sicherheit" Russlands gefährdet. Nun arbeitet sich von der Moldau aus an ihrer Rückkehr.

Moritz Gathmann

Vor drei Wochen ist sie 24 Jahre alt geworden, ein Alter, in dem manch ein deutscher Student gerade sein Vordiplom macht. Natalja Morar hat sich bei ihrer Arbeit als Journalistin schon jetzt so viele Feinde im russischen Geheimdienst und der Präsidialadministration gemacht, dass ihr am 16. Dezember am Moskauer Flughafen Domodedowo schlicht die Einreise verweigert wurde. Wie sie auf Nachfrage herausfand, nach Paragraf 27 des russischen Gesetzbuchs, zum Schutze der „nationalen Sicherheit“. Seitdem arbeitet Morar von ihrer Heimatstadt Chisinau in der Republik Moldau aus an ihrer Rückkehr.

Morar, die vor sechs Jahren eigentlich zum Soziologiestudium nach Moskau gekommen war, fasst in ihren Artikeln für die Zeitschrift „The New Times“ Eisen an, die vielen russischen Journalisten zu heiß sind: Hunderte Millionen Dollar sollen nach ihren Recherchen über die russische Diskont-Bank zur Geldwäsche nach Österreich geflossen sein, und offenbar sind darin auch Silowiki verwickelt, jene Geheimdienstler, die in Putins Russland viele Schlüsselpositionen eingenommen haben. Es ist auch ein Silowik, Igor Setschin, der hinter ihrem Einreiseverbot stehen soll. Bei Morars Informanten in FSB, Zentralbank und Kreml wundert man sich manchmal, dass sie derart „auspacken“. Ihre jahrelange Arbeit für die Stiftung des Oligarchen Michail Chodorkowski „Offenes Russland“ habe sie mit vielen führenden Persönlichkeiten zusammengebracht, sagt Morar. „Das Problem ist nicht, an solche Informationen zu kommen, sondern die Angst der Journalisten, darüber zu schreiben.“ Aber hat Morar nicht den Verdacht, vielleicht nur ein Instrument in den Händen Kreml-interner Intriganten zu sein? „Es gibt bestimmte Kreise unter den Silowiki, die jetzt alles versuchen, um Medwedews politischer Karriere zu schaden“, räumt Morar ein. In diesem Sinne sei sie tatsächlich eine „nützliche Karte in ihren schmutzigen Spielen“. Sie versuche deshalb, ihre Informationen aus unterschiedlichen Quellen abzusichern.

Angst hat Morar dabei nicht, sie sei sich der Risiken bewusst. „Damit kannst du dir eine Kugel verdienen“, hätten Kollegen gewarnt, als sie ihren Namen unter einen Artikel setzte, in dem sie über eine „schwarze Kasse“ im Kreml schreibt, aus der alle Parteien ihr Wahlkampfbudget erhalten hätten. „Davon wissen nur sehr wenige Leute, und man spricht darüber höchstens im Flüsterton“, hieß es. Wenige Tage nach Erscheinen des Artikels war Morar „Persona non grata“. Moritz Gathmann

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