Porträt des venezolanischen Terroristen Carlos : „Ich bin ein empfindlicher Knabe“

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Es ist paradox. Carlos, dem einst meistgesuchten Terroristen, der seit 1997 in Frankreich wegen der Ermordung zweier Polizisten und eines V-Mannes eine lebenslängliche Haftstrafe absitzt, wurde niemals wegen der ihm zur Last gelegten Terrorakte der Prozess gemacht. Das wird jetzt nachgeholt. Vom heutigen Montag an steht Ilich Ramírez Sánchez, wie der 62-jährige Venezolaner mit bürgerlichem Namen heißt, in Paris vor einem für die Aburteilung terroristischer Straftaten zuständigen Sonderschwurgericht.

Es geht um vier fast 30 Jahre zurückliegende Attentate, für die sich Carlos jetzt als Mittäter vor den sieben Berufsrichtern verantworten muss: auf den Nachtzug Paris-Toulouse, den TGV Paris-Marseille, den Bahnhof Saint-Charles von Marseille und das Pariser Büro der arabischen Zeitung „Al Watan al Arab“. Elf Menschen kamen bei den Anschlägen ums Leben, hundert wurden verletzt. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft steht Carlos als Auftraggeber hinter diesen Terroraktionen. Er habe damit von der französischen Justiz die Freilassung zweier Komplizen, Bruno Bréguet und Magdalena Kopp, seiner deutschen Ehefrau, erpressen wollen. Mitangeklagt sind zwei Deutsche, Christa-Margot Fröhlich und Johannes Weinrich, Carlos’ in Deutschland wegen des Anschlags auf das französische Kulturinstitut in Berlin verurteilter ehemaliger „Stellvertreter“ sowie ein untergetauchter Palästinenser. Gegen sie wird in Abwesenheit verhandelt.

Vom Äußerlichen her hat der wie ein jovialer Pensionär wirkende Carlos mit dem früheren „Berufsrevolutionär“ kaum noch Ähnlichkeit. In zwei Telefoninterviews, die er kürzlich unerlaubt aus der Zelle gab, zeigte er sich jedoch kämpferisch wie eh und je. Er habe nicht die Absicht, sich zu irgendeiner Tat zu bekennen. Den Prozess sehe er als Propaganda, ergänzte seine Anwältin Isabelle Coutant-Peyre, Carlos’ dritte Frau. Er hat sie 2001 nach islamischem Recht geheiratet, ohne von Kopp, seiner ersten Frau, geschieden zu sein und von seiner zweiten Frau, einer Jordanierin, noch etwas gehört zu haben.

Für die Interviews strafte ihn die Gefängnisleitung mit Isolierhaft. Trotz seiner Diabetes erzwang er mit einem Hungerstreik die Rückkehr in seine Zelle, wo ihm auch seine antiallergische Decke, sein seidenes Halstuch und seine geliebten Havannazigarren zurückgegeben wurden. „Ich bin ein empfindlicher Knabe“, sagt er. Hans-Hagen Bremer

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