PORTRÄT : „Deutschland ist die Lokomotive der EU“

Ahmet Acet ist türkischer Botschafter in Berlin. Er bekleidet damit eine Ausnahmeposition.

Thomas Seibert

Für Diplomaten aller Länder gibt es mehrere Sorten von Auslandsposten: Da sind jene, die einen weiterbringen, da sind die gefährlichen, die exotischen, die Strafposten, die langweiligen. Aber nur wenige Botschaften bieten einem Beamten die Möglichkeit, fernab der eigenen Hauptstadt nicht nur in der Außenpolitik, sondern auch in der Innenpolitik des Heimatlandes eine Rolle zu spielen. Das Amt des türkischen Botschafters in Berlin ist so eine Ausnahmeposition. Der neue Botschafter Ankaras in der Bundesrepublik, Ahmet Acet, ist sich dieser Sonderrolle bewusst.

Die türkische Botschaft in Berlin habe im Vergleich zu den diplomatischen Vertretungen anderer Länder eine Besonderheit, sagte der frisch gebackene Botschafter kürzlich: „Das ist die Tatsache, dass viele unserer Bürger in diesem Land leben.“ Die Interessen der fast zwei Millionen Türken in Deutschland seien für seine Arbeit das Wichtigste, sagte Acet. Dieser Aspekt seiner Arbeit wird künftig wahrscheinlich noch brisanter: Nach Plänen der Erdogan-Regierung in Ankara sollen die Auslandstürken erstmals das Recht erhalten, per Briefwahl oder über das Internet an Parlamentswahlen in der Heimat teilzunehmen.

Für Ankara ist die Bundesrepublik ein ganz besonderes Land: ein Land, in das hohe Erwartungen gesetzt werden – das aber auch schnell verdammt wird, wie nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen im Februar. Der neue türkische Botschafter hat Erfahrung mit diesem sensiblen Verhältnis. In den achtziger Jahren arbeitete er mehrere Jahre lang in der türkischen Vertretung in Bonn.

In den letzten Jahren beschäftigte sich der 57-jährige Karrierediplomat vor allem mit dem Thema Europa. Drei Jahre lang arbeitete er als stellvertretender Chef des türkischen EU-Generalsekretariats, das die Reformbemühungen diverser Regierungsstellen koordinieren und die Vorbereitung des Landes auf die angestrebte EU-Mitgliedschaft vorantreiben soll.

Das Europa-Know-how wird Acet in Berlin gut gebrauchen können. „Deutschland ist die Lokomotive der EU“, sagt der Botschafter. Nachdem sich die rot-grüne Bundesregierung aktiv für die türkische Mitgliedschaft eingesetzt hatte, ist Ankara heute froh, dass Kanzlerin Angela Merkel trotz ihrer Türkei-Skepsis die Beitrittsverhandlungen zumindest nicht torpediert. Eine der Hauptaufgaben von Acet wird darin bestehen, die Bundesregierung in diesem Kurs zu bestärken. Thomas Seibert

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